Die Beratung von Patienten mit Venenbeschwerden gehört zum Apothekenalltag – doch auch eure eigenen Venen werden als PhiP oder Apotheker*in durch das viele Stehen im HV herausgefordert. Wie entstehen Venenschäden, und welche Maßnahmen helfen, eure Venen im Berufsleben langfristig zu schützen?
Arterien und Venen bilden die Transportwege des Herz-Kreislauf-Systems: Arterien versorgen die Organe mit sauerstoffreichem Blut, während Venen das sauerstoffarme Blut von dort wieder zum Herzen zurückführen. Arterien werden durch die Pumpfunktion des Herzens angetrieben. Dessen rhythmische Kontraktionen befördern das Blut weiter. Die Beinvenen stehen dagegen vor einer besonderen Herausforderung: Sie müssen das Blut gegen die Schwerkraft nach oben transportieren. Auch sie besitzen eine Art Pumpe, die sogenannte Muskelvenenpumpe. Im Gegensatz zum Herzen arbeitet diese nicht „vollautomatisch“, sondern muss aktiv betätigt werden. Das passiert, wenn wir uns bewegen und dabei die Beinmuskulatur anspannen. Die arbeitenden Muskeln pressen die Venen zusammen und helfen dem Blut, die Schwerkraft zu überwinden. Vom oberflächlichen Venensystem gelangt das Blut in die größeren tiefer liegenden Venen und von dort weiter in Richtung Herz. Venenklappen wirken wie Rückschlagventile und halten das Blut davon ab, beim steilen Anstieg wieder in die Beine zurückzufließen [1].
Frühe Warnzeichen
Sitzende oder stehende Tätigkeiten führen dazu, dass die Muskelvenenpumpe ihre Funktion nicht optimal erfüllen kann. Vor allem in der Offizin gehört langes Stehen zum Berufsalltag, wodurch sich das Blut in den Beinvenen wiederholt aufzustauen beginnt. Als Folge steigt der Druck in den Unterschenkelvenen auf etwa 90 bis 100 mmHg. Zum Vergleich: Im Liegen beträgt der Druck im Venensystem von Armen und Beinen nur etwa 10 mmHg.
Die Venenklappen nehmen durch die erhöhten Druckverhältnisse langfristig Schaden und können nicht mehr verhindern, dass Blut in das oberflächliche Venensystem zurückfließt und die Gefäße ausbeult [1, 2]. Äußerlich zeigt sich das in Form von Teleangiektasien: feine, intradermale, geschlängelte bläuliche Linien, auch bekannt als Besenreiser. Als retikuläre Varizen bezeichnet man größere, netzförmig angeordnete Venenerweiterungen im Subkutangewebe, die noch als sogenannte Warnadern eingestuft werden. Beide Formen gelten als frühe Manifestation chronischer Venenerkrankungen (siehe Kasten). Sie können mit einem unspezifischen Schwere- und Spannungsgefühl in den Beinen einhergehen [3, 4].
„Lieber liegen und laufen statt sitzen und stehen“
So lautet die eingängige Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie. Um Venenschäden gezielt vorzubeugen, ist vor allem Bewegung das A und O. Doch was tun, wenn man in der Offizin fast den ganzen Tag steht?
Regelmäßige Minibewegungen im Stehen wie im Sitzen sind ein probates Mittel, um die Muskelvenenpumpe zu unterstützen: Bei der sogenannten Fußwippe werden abwechselnd Zehenspitzen und Fersen angehoben. Das klingt zunächst simpel, ist jedoch äußerst effektiv, da gerade die Bewegung im Sprunggelenk die Pumpwirkung fördert. Diese Übung lässt sich darüber hinaus mühelos in viele Alltagssituationen integrieren, etwa im Bus, an der Supermarktkasse, beim Zähneputzen oder auf dem Sofa. Das Tragen von flachen Sneakern mit elastischer Sohle sorgt dafür, dass ihr bei diesen Einheiten und auch beim Gehen den Fuß gut abrollen könnt. Kommt ihr zwischendurch zum Sitzen, achtet darauf, die Beine nicht zu überschlagen, um die Venen nicht abzudrücken. Und wann immer es sich einrichten lässt, die Beine kurz hochlegen – das entlastet das Venensystem spürbar [2, 5, 6].
Venenschwäche, venöse Insuffizienz, Varikose – alles das Gleiche?
Unter chronischen Venenerkrankungen versteht man verschiedene Krankheitsbilder geschädigter Venen, die in zunehmenden Schweregraden aufeinander aufbauen. Nach der CEAP (Clinical-Etiology-Anatomy-Pathophysiology)-Klassifikation zählen Besenreiser und retikuläre Varizen zum Stadium C1. Im Volksmund werden diese meistens auch als Venenschwäche bezeichnet. Krampfadern entwickeln sich, wenn größere Venen dem Druck des rückstauenden Blutes nicht mehr standhalten können. Mit einem Durchmesser von mehr als 3 mm sind sie häufig tastbar und kennzeichnen das Stadium C2. Rückstauungen und erhöhter venöser Druck führen zu anhaltenden Entzündungsprozessen, die unbehandelt in das Stadium C3 übergehen – die chronisch venöse Insuffizienz. Dabei kommt es zu Ödemen und Gewebeveränderungen, die bis zur schwersten Ausprägung fortschreiten können: dem Ulcus cruris venosum, einer tiefen, nässenden und nur schlecht heilenden Wunde [4, 14].
Zu den Risikofaktoren für die Entwicklung chronischer Venenerkrankungen zählen unter anderem genetische Faktoren, höheres Alter, Übergewicht, Rauchen, unzureichend behandelte Venenthrombosen sowie die Einnahme von Kontrazeptiva. Zusätzlich begünstigen lange stehende oder sitzende Tätigkeiten ihre Entstehung [14, 15]. Chronische Venenerkrankungen sind weitverbreitet: Rund 13% der Bevölkerung leiden an Krampfadern. Etwa ebenso viele weisen bereits eine manifeste chronisch venöse Insuffizienz auf. Bemerkenswert ist, dass lediglich 9,4% der 40- bis 80-Jährigen keinerlei klinische Anzeichen einer Venenerkrankung zeigen [16].
Stützstrumpf = Kompressionsstrumpf?
Wer gesunde Venen hat, sie aber vorbeugend schützen möchte, für den empfiehlt sich auch ohne bestehende Beschwerden das Tragen von Stützstrümpfen (z.B. Varilind®, VenoTrain®act von Bauerfeind) während längerer Stehphasen. Anders als medizinische Kompressionsstrümpfe zählen Stützstrümpfe nicht zu den Medizinprodukten und unterliegen keinen festgelegten Produktionsvorschriften. Der ausgeübte Druck ist geringer und definierte Kompressionsklassen oder Qualitätsstandards fehlen. Da Stützstrümpfe keine therapeutische Funktion erfüllen, sind sie weder verschreibungs- noch erstattungsfähig. Dank ihrer leichten Kompression bieten sie dennoch eine effiziente Präventionsmaßnahme, damit Venenprobleme gar nicht erst entstehen [7, 8].
Frühzeitig wechseln
Bei bestehenden Venenleiden, aber auch schon bei ersten Anzeichen wie schweren, im Tagesverlauf anschwellenden Beinen oder beginnender Krampfaderbildung ist das Tragen von Kompressionsstrümpfen (z.B. von Bort oder Belsana) indiziert. Sie üben von außen einen definierten Druck auf Gewebe und Venen aus, der im Knöchelbereich am stärksten ist und nach oben hin abnimmt. Damit unterstützen sie den Rückfluss des Blutes zum Herzen. Kompressionsstrümpfe sind in vier Kompressionsklassen erhältlich – je höher die Klasse, desto stärker der ausgeübte Druck. Das RAL-Gütezeichen (RAL-GZ 387/1) garantiert, dass der Druckverlauf exakt eingehalten wird. Der Arzt bestimmt für jeden Patienten individuell, welche Kompressionsklasse und Strumpflänge (Waden-, Oberschenkelstrumpf oder Strumpfhose) am besten geeignet ist [9, 10, 11].
Medizinische Kompressionsstrümpfe unterscheiden sich nicht nur in Kompressionsklasse und Material, sondern auch in ihrer Herstellungsweise: Flach- oder Rundstrick. Flachstrickstrümpfe werden Reihe für Reihe gearbeitet – erkennbar an einer Naht. Diese Fertigungstechnik ermöglicht es, die Maschenzahl exakt an den Umfang des jeweiligen Beinabschnitts anzupassen, und gewährleistet so eine hohe Stabilität. Die kostengünstigeren Rundstrickstrümpfe sind dagegen ähnlich wie konventionelle Socken nahtlos fortlaufend rundgestrickt. Für die Mehrheit der Beschwerden bieten sie eine zuverlässige Versorgung. Statt der Maschenzahl variiert hier die Maschengröße, um die Umfangsunterschiede der Beinpartien auszugleichen und die höhere Kompression im Fesselbereich sicherzustellen. Für medizinische Kompressionsstrümpfe ist eine individuelle Abmessung unerlässlich. Nur so lässt sich der exakte Druckverlauf gewährleisten und verhindern, dass zu weite Strümpfe ihre Wirkung verlieren oder zu enge Haut und Nerven verletzen [12, 13].
Literatur
[1] Valesky E et al. Venen und Venenkrankheiten. In: Moll I, Hrsg. Duale Reihe Dermatologie. 9. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2024:550-561.
[2] Rabe E, Gerlach HE. Praktische Phlebologie. 2. Aufl. Stuttgart: Thieme 2006
[3] Santler B, Goerge T. Chronic venous insufficiency – a review of pathophysiology, diagnosis, and treatment. J Dtsch Dermatol Ges 2017:15(5);538-556
[4] Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie e.V. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum. AWMF-Reg. Nr. 037-009, Stand Januar 2024
[5] Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie. Venengymnastik, www.phlebology.de/patienten/tipps/venengymnastik/#:~:text=Zehenspitzen-Stand&text=Heben%20Sie%20beide%20Fersen%20langsam,%C3%9Cbung%2010-15-mal
[6] Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie. Tipps im Alltag, www.phlebology.de/patienten/tipps/im-alltag/
[7] Kammerlander G. Lokaltherapeutische Standards für chronische Hautwunden. 2. Aufl. Springer 1998.
[8] medi. Stützstrümpfe sind keine medizinischen Kompressionsstrümpfe, www.medi.de/faq/kompressionsstruempfe/stuetzstruempfe/
[9] Bauerfeind. Ohne Kompression geht nichts, www.bauerfeind.de/de/gesundheit/venen/venenerkrankung-wann-muss-ich-kompressionsstruempfe-tragen
[10] medi. Medizinische Kompressionsstrümpfe: Wirkung und Nutzen, www.medi.de/faq/kompressionsstruempfe/wirkung/
[11] medi. Kompressionsklassen bei Kompressionsstrümpfen, www.medi.de/faq/kompressionsstruempfe/kompressionsklassen/
[12] Tipps Kompressionsstrümpfe. Phlebology.de, www.phlebology.de/patienten/tipps/kompressionsstruempfe/
[13] Behandlung Kompressionstherapie. Phlebology.de,www.phlebology.de/patienten/behandlung/kompressionstherapie/
[14] Pannier F et al. S2k – Leitlinie Diagnostik und Therapie der Varikose, AWMF-Reg. Nr. 037-018,00 Stand: März 2019
[15] Labropoulos N. How does chronic venous disease progress from the first symptoms to the advanced stages? A review. Adv Ther, 2019;36(Suppl 1):13-19
[16] Robert Koch Institut. Venenerkrankungen der Beine. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, 2009;44