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Deutscher Apothekertag 2022: Intensive Debatte um Novellierung der Approbationsordnung

Die Hauptversammlung der deutschen Apothekerinnen und Apotheker fordert das BMG auf, schnellstmöglich auf Basis des Positionspapiers, das der Runde Tisch mühevoll erarbeitet hat, die Novellierung der Approbationsordnung anzugehen. Doch bei der Debatte in München wurde deutlich, für wie viel Unruhe das Nein der Studierenden zum Papier gesorgt hatte. Auch dass der Entwurf zum Abstimmungszeitpunkt bereits im Ministerium lag, stieß auf Kritik.

Thomas Benkert, Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), war sichtlich angefressen. Gut ein Jahr lang hatten sich unter anderem Vertreter:innen der Bundesapothekerkammer, des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD) und der Hochschullehrer:innen immer wieder am Runden Tisch getroffen, um ein Positionspapier zur Novellierung der Approbationsordnung für Apotheker:innen zu erarbeiten – ein Kraftakt, bedenkt man, dass die Interessen der Beteiligten an einigen Stellen doch weit auseinander gelegen haben dürften. Letztlich war es trotz allem gelungen, sich auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen. Doch der BPhD erteilte dem Werk am Ende bei seiner Bundesverbandstagung im Mai eine Absage – zu vielfältig waren die Kritikpunkte der Studierenden.

BAK-Präsident Benkert kann dafür nur wenig Verständnis aufbringen, wie er am vergangenen Freitagmorgen beim Deutschen Apothekertag in München durchblicken ließ. Zur Debatte stand ein Antrag des Geschäftsführenden ABDA-Vorstands, das Bundesministerium für Gesundheit aufzufordern, auf Basis des Positionspapiers alsbald die Approbationsordnung anzupassen – auch ohne die Zustimmung des BPhD zur finalen Version des Papiers.

Die Hauptversammlung der deutschen Apothekerinnen und Apotheker fordert den Verordnungsgeber auf, die Approbationsordnung für Apotheker (AAppO) unverzüglich auf der Basis der Ergebnisse des Runden Tisches „Novellierung der Approbationsordnung für Apotheker“ zu überarbeiten. Die Weiterentwicklung der Ausbildung darf weder zu einer Reduktion der Betreuungsintensität noch zu einer Absenkung der Zahl der Studienplätze führen.“

Antrag des Geschäftsführenden ABDA-Vorstands zum Deutschen Apothekertag 2022

„Die Studierenden waren in allen Sitzungen des Runden Tisches mit dabei“, betonte Benkert. Das Ergebnis sei naturgemäß ein Kompromiss, bei dem jede Partei Federn lassen musste. Als sich anbahnte, dass der BPhD das Positionspapier womöglich nicht mittragen will, habe man ihnen verschiedene Zugeständnisse machen wollen, um das Konzept doch noch als Einheit beim Bundesministerium für Gesundheit vorbringen zu können. Doch auch diese Vorschläge habe der Studierendenverband abgelehnt. „Dann ist das eben so“, sagte der BAK-Präsident vor den Delegierten in München. „Wir können jetzt das Rad nicht komplett zurückdrehen, nachdem wir ein Jahr lang gerungen haben.“

BPhD will Novellierung der Approbationsordnung

Zu Wort meldete sich sodann Miriam Sprafke, Präsidentin des BPhD. Sie betonte, wie froh der Verband sei, nicht mehr grundsätzlich für die Novellierung der Approbationsordnung werben zu müssen und dass er sehr viele Inhalte des Positionspapiers unterstütze, insbesondere die Stärkung der Fächer Klinische Pharmazie und Pharmakologie sowie das Ansinnen, das Studium um zwei Semester zu verlängern.

Dennoch wolle der BPhD das Papier nicht mittragen. Ein Grund dafür ist laut Sprafke, dass unter dem Strich die Stundenzahl steigen würde, falls das Positionspapier wie vorliegend umgesetzt wird. Um den Stoffzuwachs aufzufangen, reichten auch die zwei Semester Verlängerung nicht aus – „nötig wären hier eigentlich drei“, meint Sprafke. „Das Positionspapier bietet viele gute Ansätze, die aber oft nicht zu Ende gedacht sind. Dafür hätte man sich den tiefgreifenden Streitpunkten stellen müssen.“

Falsches Signal?

Allerdings, unterstrich die BPhD-Präsidentin, befürworte der Verband nach wie vor ausdrücklich die Novellierung der Approbationsordnung. „Ich hatte in den Gesprächen der vergangenen Tage das Gefühl, dass diesbezüglich ein falsches Signal gesendet wurde. Wir begrüßen alle Vorstöße in diese Richtung, aber wir können leider nicht alles mittragen, was in diesem Papier steht.“ Es werde nicht gelingen, die Attraktivität des Pharmaziestudiums zu steigern, wenn man es für künftige Generationen noch härter gestalte als heute schon. „Ich möchte guten Gewissens mit Ja antworten können, wenn mich jemand fragt, ob er Pharmazie studieren soll.“

Kritisch sieht man das Papier auch in Thüringen: Matthias Zink, Vorstandsmitglied der Landesapothekerkammer Thüringen, kündigte an, dass die Delegierten der LAKT den Antrag des ABDA-Vorstands ablehnen werden. Denn: „Die Verlängerung des Studiums um ein Jahr tötet Institute.“ Im Südosten der Republik kämpften die Apotheker:innen seit rund zehn Jahren um den Erhalt der Pharmazie in Jena. Vor ähnlichen Schwierigkeiten stünden die Kolleginnen und Kollegen aus Sachsen, die sich noch immer um ihren Standort in Leipzig sorgten. Das Pharmaziestudium sei eines der teuersten überhaupt, es sei fraglich, ob die Länder das mitmachen werden. Für Zink ist klar: „Die neuen Studieninhalte sind nötig, aber nur zulasten alter Studieninhalte.“

Dörje: „Es war ein hochdemokratischer Prozess“

Mit am Runden Tisch gesessen hatte auch Professor Frank Dörje, ehemaliger Präsident des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) und Leiter der Apotheke des Uniklinikums Erlangen. Er appellierte an die Delegierten, den Antrag anzunehmen. „Es war ein hochdemokratischer Prozess, der von der Bundesapothekerkammer sehr gut begleitet wurde“, stellte er heraus. „Wir haben mit einer komplex zusammengesetzten Gruppe versucht, etwas Komplexes neu zu gestalten. Da kann sich nicht jeder vollumfänglich durchsetzen“, sagte er in Richtung der Studierenden. „Das nennt man einen Kompromiss in einer Demokratie.“

Die Delegierten der Hauptversammlung stimmten am Ende der Diskussion für den Antrag, um die Novellierung der Approbationsordnung voranzubringen. (Foto: DAZ/Alex Schelbert)

Wie Dörje gab auch Benkert zu bedenken, dass das Positionspapier sicher nicht eins zu eins umgesetzt werde und im Dialog mit dem BMG noch Veränderungen anstünden. Man habe zwar angestrebt, vonseiten des Berufsstands mit einer Stimme zu sprechen – doch auch wenn das nun nicht gelungen sei, habe die ABDA Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bei einem Gesprächstermin am 9. September bereits ein Exemplar des Positionspapiers zur Novellierung der apothekerlichen Approbationsordnung in die Hand gedrückt.

Hat die Hauptversammlung noch eine echte Wahl?

Diese Information sorgte wiederum für Irritationen unter den Delegierten – schließlich sollte doch eigentlich noch darüber abgestimmt werden, ob man nun das BMG auffordern wolle, auf Basis des Papiers die Approbationsordnung anzufassen. Das warf Fragen auf, zum Beispiel bei Friederike Bach, Delegierte der Kammer Berlin. „Wenn Sie das Papier dem Minister jetzt schon übergeben haben, Herr Benkert, frage ich mich, was Sie mit einem heutigen Beschluss, egal, wie er ausfällt, machen werden?“, wollte die ehemalige BPhD-Präsidentin Bach vom BAK-Chef wissen.

Und auch Maximilian Buch, Kammervorstand aus Berlin, äußerte Kritik am Verfahren. Dabei zielte er insbesondere auf den vermeintlich demokratischen Prozess zur Konsensfindung ab. „Egal, wie oft man das Wort Kompromiss in den Mund nimmt, es ist keiner, wenn ihn nicht alle Beteiligten mittragen können“, bemängelte der ehemalige BPhD-Präsident. Zu einem demokratischen Prozess gehöre immer auch eine Abstimmung der jeweiligen Organisationen am Ende – auch diese müsse demokratisch erfolgen. „Und wenn eine Partei dann zu dem Schluss kommt, das Papier abzulehnen, ist das legitim und vollkommen in Ordnung. Das hier so despektierlich darzustellen, finde ich schwierig.“

Funke: „Unterstützen Sie uns!“

BAK-Vizepräsidentin Ursula Funke stellte sich in der Debatte an Benkerts Seite, der klargestellt hatte, dass bei Ablehnung des Antrags des ABDA-Vorstands weitere zehn Jahre Stillstand in Sachen Novellierung der Approbationsordnung drohten. „Das Papier liegt jetzt im BMG“, sagte Funke. „Unterstützen Sie uns! Es wäre ein fatales Zeichen, wenn der Antrag jetzt nicht mit breiter Mehrheit angenommen wird.“ Die Hauptversammlung folgte ihr letztlich und nahm den Antrag mit 92,3 Prozent der Stimmen an.

Christina Müller, Berlin

Christina Müller (cm) startete ihre journalistische Karriere bereits während der Schulzeit beim Axel-Springer-Verlag. Als freie Mitarbeiterin schrieb sie insgesamt vier Jahre regelmäßig für die Zeitschrift „Sport Bild“, bevorzugt über ihre Lieblingssportart Handball. Das Pharmaziestudium absolvierte sie in Kiel und Münster. Nach Erhalt der Approbation im Jahr 2013 arbeitete sie knapp zwei Jahre in öffentlichen Apotheken, bevor sie 2015 ihr Volontariat bei der „Pharmazeutischen Zeitung“ begann. Einige gesundheitspolitische Zwischenstationen später, unter anderem beim „Ärztenachrichtendienst“ und der „Presseagentur Gesundheit“, widmet sie sich jetzt bei DAZ.online wieder zwei von drei ihrer großen Leidenschaften – Pharmazie und die apothekerliche Berufspolitik.