„Karibu“ ist Suaheli und bedeutet „Herzlich willkommen“. Als Tourist hört man diese Begrüßung an
jeder Stelle – eine besondere Bedeutung bekommt „Karibu“, wenn es die Vorfreude auf fachlichen Austausch und die Dankbarkeit für das gemeinsame Angehen von Problemen ausdrückt. Das durften zwei deutsche Apotheker bei ihrem Einsatz in einer Krankenhausapotheke in Tansania erfahren.
Für knapp drei Wochen verließen Dr. Andreas Ziegler und Dr. Sabine Werner ihre Schreibtische im Deutschen
Apotheker Verlag und reisten für die Artemed Stiftung nach Nyangao. In dem rund 10.000 Einwohner zählen
den Ort im Süden Tansanias liegt das St. Walburg’s Hospital. Nahe der Grenze zu Mosambik und fernab der
Touristenströme dient das Krankenhaus der Gesundheitsversorgung von rund einer Million Menschen.
Die in Bayern ansässige Artemed Stiftung unterstützt das ursprünglich von den Missionsbenediktinerinnen ge
gründete Diözesankrankenhaus seit 2018 in verschiedenen Projekten. Dadurch fließt nicht nur dringend not
wendige finanzielle Unterstützung in die ländliche und von Armut geprägte Region, sondern es findet auch ein
reger Austausch mit Angehörigen unterschiedlicher Gesundheitsberufe statt. Ziel ist es, gemeinsam Probleme
zu lösen, Prozessabläufe zu optimieren und die Patienten bestmöglich zu versorgen. Diesmal galt der Besuch aus Deutschland erstmals der Apotheke des Krankenhauses.
Fachpersonal fehlt
Die beiden deutschen Pharmazeuten reisten nach dem Vorgespräch mit der Artemed Stiftung mit einer langen
Liste von Fragestellungen an. Doch zunächst galt es, sich vor Ort einen Überblick über die Abläufe in der
Apotheke zu verschaffen und das Personal kennenzulernen. Sofort fiel auf, dass die Apotheke zwar von einer Apothekerin geleitet wird und einige Mitarbeiter Pharmaceutical Assistants oder Pharmaceutical Technicians sind (vergleichbar mit den deutschen PTA), aber auch nicht pharmazeutisches Personal, z.B. Pflegekräfte, in der Arzneimittelausgabe mitarbeiten. Fachpersonal ist rar in Tansania, und im landwirtschaftlich geprägten Süden, in dem der Lebensstandard deutlich niedriger ist als im Norden, noch schwerer zu finden. In einem Treffen mit
den Verantwortlichen der Krankenpflegeschule, die dem St. Walburg’s Hospital angegliedert ist, wurde daher
intensiv über den Plan diskutiert, dort einen Ausbildungszweig für pharmazeutisches Personal einzurichten

Abgezählte Tabletten
Anders als in deutschen Krankenhäusern werden die meisten Patienten des St. Walburg’s Hospital ambulant
behandelt und anschließend direkt von der Krankenhausapotheke mit den verordneten Medikamenten
versorgt. Dann bilden sich lange Schlangen vor dem „Arzneimittel-Fenster“, an dem die Abgabe erfolgt. Oft
werden nicht ganze Packungen abgegeben, sondern nur die Tablettenzahl, die der Patient benötigt. Da er dann
auch keinen Beipackzettel erhält, ist einiges an Beratung und Information nötig. Auch die Organisation der
stationären Behandlung wäre in dieser Form in Deutschland undenkbar: Das Krankenhaus leistet nur die
medizinische Versorgung. Um Mahlzeiten sowie Körperpflege kümmern sich die Angehörigen. Jeder Patient wird also von mindestens einem Familienmitglied begleitet. Auch die Arzneimittel für stationär behandelte Patienten werden von den Angehörigen direkt in der Krankenhausapotheke abgeholt.
Herausfordernde Finanzierung
Nur die wenigsten Patienten haben eine Krankenversicherung – Behandlung und Medikamente müssen sie
daher selbst bezahlen. Im Süden des ostafrikanischen Landes können sich viele Menschen die Behandlung im
Krankenhaus nicht leisten. Umso wichtiger ist es, dass ihnen die Behandlungskosten auf Antrag erlassen
werden können. Kinder bis zum Alter von fünf Jahren und Schwangere werden generell kostenlos behandelt.
Für die Menschen ist das ein Segen – für das Krankenhaus, das die Kosten trägt, jedoch eine große finanzielle
Herausforderung. So waren auch die Finanzen der Krankenhausapotheke ein wichtiges Thema in den
Diskussionen der beiden Pharmazeuten aus Deutschland mit der Apothekenleitung und der Krankenhausverwaltung. Gemeinsam wurde der durchschnittliche monatliche Bedarf an Arzneimitteln und Medizinprodukten ermittelt, der die Grundlage für eine bessere Planbarkeit des finanziellen Bedarfs sowie der benötigten Einkaufsmengen ist.
Unsichere Zukunft der HIV-Therapie
Virostatika zur Therapie von HIV- Infektionen (Human Immunodeficiency Virus) werden im St. Walburg’s Hos
pital kostenlos abgegeben. Wer hier klischeehaft mit Lastwagenfahrern und Sexarbeiterinnen als Patienten
rechnet, wird schnell eines Besseren belehrt: Vom vier jährigen Mädchen über den Familienvater bis zur älteren
Dame erlebten die zwei deutschen Apotheker beim Hospitieren einen Querschnitt durch die gesamte Bevölkerung. Auch Arzneimittel zur PrEP (Präexpositionsprophylaxe) werden kostenlos abgegeben. Besonders nachdenklich macht, dass diese neben den bekannten Risikogruppen auch Mädchen unter 15 Jahren aus prekären Verhältnissen erhalten, z.B. nach dem Tod der Eltern. Sie gehören offensichtlich ebenfalls zu den besonders vulnerablen Menschen.
All dies macht deutlich, dass HIV in Tansania nicht einzelne Gruppen betrifft, sondern die Mitte der Gesellschaft. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt kontinuierlich – doch was es bedeuten würde, wenn die kostenlose Versorgung zur Therapie und Prophylaxe der Infektion wegfällt, mag man sich gar nicht vorstellen. Die HIV-Therapeutika werden über ein Programm finanziert, das einst von USAID getragen wurde, der US amerikanischen Behörde für Entwicklungszusammenarbeit. Nach ihrer Auflösung durch US-Präsident Trump hat die tansanische Regierung zugesagt, die Virostatika weiter kostenlos zur Verfügung zu stellen. Doch über USAID wurden auch zahlreiche Stellen finanziert, zum Beispiel die behandelnden Ärzte und das Laborpersonal, das die HIV-Tests durchführt. Wie es mit deren Verträgen weitergeht, war zum Zeitpunkt des Einsatzes noch unklar – eine Versorgung von HIV-Patienten mit Arzneimitteln ohne entsprechendes Personal erscheint jedoch kaum denkbar.
Rezepte aus der Zukunft
Die Tücken der Bürokratie kennen deutsche Pharmazeuten nur zu gut – doch auch in Nyangao passen die
strengen Vorgaben des staatlichen HIV-Programms oft nicht zur Lebenswirklichkeit: Die Patienten müssen
monatlich im Krankenhaus erscheinen und dürfen maximal die Medikation für vier Wochen erhalten. Für
viele Menschen mit HIV-Infektion ist der weite Weg ins Krankenhaus, den sie oft zu Fuß oder mit dem Fahrrad
zurücklegen, aber nicht jeden Monat machbar. Vor allem in der Erntezeit können sie ihre Felder nicht für
mehrere Tage verlassen, um Arzneimittel abzuholen. Hier finden die Krankenhausmitarbeiter kreative Lösungen: Beim Besuch wird ein zweites Rezept für den Folgemonat aus gestellt und der Patient erhält seine
Arzneimittel für zwei Monate. Das zweite Rezept verschwindet zunächst in einer Schublade und wird erst nach vier Wochen verbucht. Das sorgt für eine kontinuierliche Therapie der Patienten – erschwert jedoch die Verwaltung der Bestände und deren Dokumentation.

Gemeinsam wurde nach möglichen Ursachen gesucht. (Fotos: DAZ/sw, DAV/zie)
Software mit Tücken
Auch zur allgemeinen Lagerverwaltung der Apotheke erfolgte ein intensiver Austausch. An eine mehrmals
tägliche Belieferung wie in deutschen Apotheken ist in Tansania nicht zu denken: Das Krankenhaus steht vor
der großen Herausforderung, dass Bestellungen beim staatlichen Großhandel erst nach etwa drei Wochen ein
treffen, und dann auch noch oft bis zu 40% der bestellten Arzneimittel nicht lieferbar sind und anderweitig
eingekauft werden müssen. Ein wichtiges Thema ist daher die Abschätzung von Bestellzeitpunkt und Bestellmenge, um zu vermeiden, dass die Ärzte tage- oder wochenlang ohne ein Arzneimittel auskommen müssen, weil zu spät oder zu wenig nachbestellt wurde. Trivial ist das nicht: Der Verbrauch schwankt aus unterschiedlichen Gründen stark. So steigt etwa während der Regenzeit die Zahl an Malaria-Infektionen.
Und auch die Erntezeit ist ein Faktor. Da viele Bauern vor der Ernte und deren Verkauf kein Geld für Behandlungen haben, steigen die Patientenzahlen im Krankenhaus und auch der Arzneimittelverbrauch danach sprunghaft an. Eine weitere Herausforderung stellt die vor drei Jahren eingeführte Software zur Lagerverwaltung dar: Verlässliche Zahlen zum Verbrauch, auf deren Grundlage die Arzneimittelbestellung sinnvoll geplant werden kann, sind dem System schwer zu entnehmen. Gemeinsam identifizierten die deutschen und tansanischen Pharmazeuten eine Vielzahl von Ursachen, die nun gemeinsam mit dem Softwareentwickler angegangen werden sollen.
Versorgung in die Dörfer bringen
Besonders beeindruckt hat Werner und Ziegler die Fahrt in ein rund eine Stunde Fahrzeit entferntes Dorf im
Rahmen des Community Health Projects. Mit dem Projekt, das die Artemed Stiftung initiiert hat und finanziert,
leistet das St. Walburg’s Hospital in abgelegenen Dörfern einen wichtigen Beitrag zur Prävention. Dabei werden Kinder auf Mangelernährung untersucht und vor allem Frauen zu verschiedenen Themen geschult, die von Hygienemaßnahmen über Ernährungsthemen bis hin zu Hilfsangeboten bei häuslicher Gewalt reichen. Ziel der aktuellen Fahrt: Den Frauen im Dorf ein Screening auf Gebärmutterhalskrebs anbieten. In einem leeren Zimmer des Dorfzentrums wurde mit einer Klappliege ein provisorischer Untersuchungsraum eingerichtet. Vor der Untersuchung stellte Timothy, der junge Krankenpfleger, der das Screening durchführte, den Frauen zwei Fragen: Wie viele Geburten hattest Du? Wie viele Kinder hast Du? Keine der Frauen nennt zweimal die gleiche Zahl – ein Zeugnis der noch immer hohen Kindersterblichkeit im Süden Tansanias, das betroffen macht. Die Krebsvorsorge erfolgt mit einfachsten Mitteln: Beim VIA (visual inspection of the cervix with acetic acid) wird der Gebärmutterhals der Frau mit 5%iger Essigsäure betupft und nach einer kurzen Wartezeit durch das Spekulum betrachtet. Cervixkarzinome und ihre Vorstufen verfärben sich unter Einwirkung der Säure charakteristisch. An diesem Tag kann Timothy zum Glück alle Frauen mit einem negativen Befund nach Hause schicken.

Health Project niedriger, als es die landesweiten Zahlen
erwarten lassen. Ein Vergleich des pH-Werts zwischen Essig
säure in pharmazeutischer Qualität und dem vor Ort verwen
deten Speiseessig zeigt, dass es nicht am Säuregehalt liegt. (Fotos: DAZ/sw, DAV/zie)
Viel mehr als fachlicher Austausch
Zurück in Deutschland sind den beiden Apotheker nicht nur die regen fachlichen Diskussionen in Erinnerung
geblieben, sondern vor allem auch die Herzlichkeit der Menschen in Nyangao, der farbenfrohe Markt, der fröh
liche Gesang in den Gottesdiensten, die neugierigen, oft schon von Weitem grüßenden Kinder und
die Menschen rund um das Krankenhaus, die den Einsatz – auch wenn es in erster Linie um die Pharmazie ging – zu einem Auf enthalt gemacht haben, der auch stark von zwischen menschlichen Begegnungen geprägt war.