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Labour lieber im Labor?

Dr. Markus Kroll über seinen Weg zum Arzneistoffentwickler in der Industrie

Wer nach dem Studium in der pharmazeutischen Industrie arbeiten möchte, fragt sich häufig: Bin ich gut genug? Markus studierte organische Chemie. Seit zwei Jahren arbeitet er bei der Firma Nuvisan, die Testkandidaten für neue Arzneistoffe wissenschaftlich begleiten. Im Interview mit der UniDAZ erklärt er, wie er an die Stelle kam, und was man für die Arbeit in der Industrie mitbringen sollte.

UniDAZ: Markus, seit über einem Jahr bist du Laborleiter bei der Nuvisan-Gruppe. Wie kamst du zu der Stelle?

Markus: Eine Personaldienstleister-Firma (Gulp) kontaktierte mich über die Berufsplattform Xing. Diese haben ein Profil von mir erstellt und ein Vorstellungsgespräch bei meiner heutigen Firma organisiert. Die Berufs-Plattformen Xing und LinkedIn sind in der Arbeitswelt sehr wichtig geworden. Wer hier einige Details über sich preisgibt, über Stärken, Schwächen und Interessen, erhält vielleicht das Job-Angebot, das er gesucht hat.

UniDAZ: Hättest du gedacht, dass du innerhalb von zwei Jahren vom Berufseinsteiger, der den passenden Job sucht, zum Laborleiter wirst, der selbst Bewerbungen liest?

Markus: Das hätte ich niemals gedacht. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein: Etwas Glück gehört immer dazu.

Wenn ein Wirkstoff bei uns versagt, gehen die Moleküldesigner zurück ans „Zeichenbrett“.

Dr. Markus Kroll

UniDAZ: Was macht ihr bei der Nuvisan?

Markus: Wenn es um neue Arzneimittel geht, übernehmen die forschenden Firmen heute nur einen Teil der Entwicklung und Lagern den Rest zu sogenannten Auftragsforschungsinstituten (Contract Research Organisation, CRO) aus. Die Nuvisan ist solch ein CRO im Bereich Pharma. Sie deckt das gesamte Spektrum von früher Entwicklung bis zu klinischen Studien ab.

Fünf bis zehn Jahre vergehen, bis aus ein Molekül aus dem Reagenzglas als Tablette auf den Markt kommt.
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UniDAZ: Mit welchem Teil dieses Spektrums beschäftigt sich dein Labor?

Markus: Mein Team und ich bestimmen die physikochemischen Eigenschaften möglicher Testkandidaten neuer Wirkstoffe. Wir prüfen unter anderem die Stabilität, Löslichkeit und Kristallinität. Das ist ein wichtiger Schritt bei der Frage, ob ein Molekül ein möglicher Wirkstoffkandidat wird. Arzneimittelentwickler untersuchen diese darauf hin weiter. Wenn ein Wirkstoff bei uns versagt, gehen die Moleküldesigner zurück ans „Zeichenbrett“.

UniDAZ: Wisst ihr zu diesem Zeitpunkt schon, ob die zu untersuchenden Moleküle vielversprechende Kandidaten sind?

Markus: Im Vergleich zu früher wissen wir das gut. Damals untersuchte man häufig Naturstoffe und variierte diese chemisch. Mittlerweile greifen Forscher auf Datenbanken zurück, in der alle möglichen Zielstrukturen hinterlegt sind, die jemals in der Entwicklung waren. Damit gleichen sie ab, ob das Molekül als Ausgangsverbindungen dienen kann. Erst danach verändern wir diese Verbindungen und helfen, die Eigenschaften des Moleküls zu verbessern.

UniDAZ: Wie lang dauert es, bis ein Arzneistoff auf den Markt kommt?

Markus: Das dauert etwa fünf bis zehn Jahre.

UniDAZ: Baust du zu manchen Verbindungen ein emotionales Verhältnis auf, weil du denkst, es könnte ein bahnbrechendes Arzneimittel werden?

Markus: Manche machen das, ich nicht. 95 Prozent der Wirkstoffkandidaten werden in der frühen Entwicklungsphase abgeschossen. Wer zu jeder Verbindung eine Bindung aufbaut, für den ist das so, als würde er alle zwei Monate ein Beziehung beenden. Das muss nicht sein.

Der Weg zur Pille ist nicht leicht. Schon in frühen Phasen der Arzneimittel-Entwicklung scheiden 95 Prozent der Wirkstoff-Kandidaten aus, weil sie nicht die richtigen Eigenschaften mitbringen.
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Als Chemiker unter Pharmazeut:innen

UniDAZ: Fiel es dir schwer, dich in die Pharmazie einzuarbeiten?

Markus: Im Chemiestudium hatten wir kaum etwas zu Pharmakokinetik und –dynamik. Hier musste ich mich lange einlesen. Aber auch heute lerne ich noch täglich dazu. Es hilft sehr, dass wir uns mit Apotheker:innen anderer Abteilungen austauschen.

UniDAZ: Wir Apotheker wissen überall ein bisschen Bescheid, sei es in der Chemie, Biologie, Medizin oder Physik. Aber so viel wir ihr Spezialisten können wir nicht. Schaut ihr manchmal herablassend auf uns?

Markus: Wir Chemiker sind vielleicht beim Umgang mit Molekülen erfahrener. Pharmazeut:innen sind dafür bei der Frage, wie die Moleküle mit Zellen interagieren, besser aufgestellt. Chemiker beherrschen andere Dinge als Pharmazeut:innen. Daher ist es am Wichtigsten, strukturiert zusammenzuarbeiten. Wenn wir mit einem potenziellen Wirkstoffkandidaten arbeiten, diskutieren wir die Ergebnisse im Team.

UniDAZ: Wenn du noch einmal wählen könntest: Hättest du lieber Pharmazie studiert?

Chemiker wissen zwar mehr über Moleküldesign. Doch wenn es um Arzneistoffe geht, haben Pharmazeut:innen die Nase vorn.
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Markus: Ich würde wieder Chemie studieren, weil mich die molekularen Hintergründe sehr interessieren. Auch, wenn diese Richtung sehr interessant ist.

UniDAZ: Wenn man als Naturwissenschaftler in der Industrie beginnt: Fängt dann das Lernen nochmal von Neuem an?

Markus: Natürlich, jeder lernt viel Neues dazu. Man muss bescheiden sein. Denn selbst, wenn man als Promovierter anfängt, in der Industrie zu arbeiten, muss man viele Hintergründe und Abläufe erst lernen.

Voraussetzungen nicht erfüllt? Trotzdem bewerben!

UniDAZ: Was muss man mitbringen, um in der Industrie zu arbeiten?

Markus findet Pharmazeutisches spannend, würde aber in jedem Fall wieder Chemie studieren.
Foto: Markus Kroll

Markus: Flexibilität ist das, wonach aktuell jedes Unternehmen sucht. Außerdem: Wer gut mit anderen Menschen klarkommt, hat gute Karten. Auch IT-Affinität hilft. Dieser Bereich wird immer wichtiger.

UniDAZ: Wann kann man sich guten Gewissens bewerben?

Markus: Selbst wenn man die Vorgaben, die in Stellenanzeigen aufgeführt sind – z. B. mehrere Jahre Berufserfahrung – nicht mitbringt: Man sollte sich trotzdem bewerben. Vielleicht genügen den Firmen schon die Praktika während des Studiums. Außerdem bietet unter anderem das Arbeitsamt Kurse an, die für Firmen interessant sind. Hier kann jeder etwa in einer Überbrückungszeit Zertifikate erwerben, zum Beispiel zur „Good Manufacturing Practice“, den Vorgaben für die Arzneimittelherstellung.

UniDAZ: Lieber Markus, vielen Dank für das schöne Gespräch.

Marius Penzel, Stuttgart

Marius Penzel studierte Pharmazie in Leipzig. Nach praktischen Erfahrungen in einer öffentlichen Apotheke und einer Krankenhausapotheke begann er ein Volontariat bei der Deutschen Apotheker Zeitung.