Umweltschonend beraten in der Apotheke

„Wissen Sie, wie Sie die Medikamente entsorgen?“

Nicht nur im Labor fällt viel chemischer Müll an. Auch viele der Arzneimittel, die Patienten einnehmen, landen später in der Umwelt. Einigen davon können ziemlich schädlich für unsere Ökosysteme sein. Apothekerin und Buchautorin Esther Luhmann erklärt, welche das sind – und wie ihr die Natur schonen könnt, indem ihr Patienten entsprechend beratet.

Umweltschutz nimmt schon jetzt einen großen Stellenwert in unserem Alltag ein. Warum also nicht auch in Pharmazie, Studium und Apotheke? Wie können Apotheken und die Mitarbeitenden den Risiken entgegenwirken und verantwortungsbewusst handeln?

Zunächst fehlt es an Bildung und Wissen über das Thema. Dieses gilt es nach und nach aufzuholen und am Ball zu bleiben. Denn die Klimakrise nimmt ihren Lauf und weitere Herausforderungen kommen auf die Apotheke zu.

Die richtige Mülltrennung haben wir von klein auf gelernt: Papier, Zeitungen und Co. gehören in die Papiertonne, Plastik und Verpackungen in den gelben Sack und Essensreste in die Biotonne. So weit, so gut. Dass man Arzneimittel nicht in der Toilette oder über das Abwasser entsorgt, sollte jedem Pharmaziestudierenden im ersten Semester bewusst sein – idealerweise auch schon früher.

In diesem Beitrag soll es um die Auswirkungen der Rückstände gehen, den Einsatz von klimaschädlichen Gasen in Dosieraerosolen, sowie Beispiele, wie man in der Apotheke umweltbewusst und ressourcenschonend arbeiten kann.

Natürlich haben auch Apotheker:innen mit Rabattverträgen, dem Stellen von Genehmigungsanträgen an Krankenkassen, dem Herstellen individueller Rezepturen, Dokumentation und dem stetig klingelnden Telefon viel zu tun und eigentlich nicht immer ausreichend Zeit für umfängliche Beratungen. Für sie ist Beratung jedoch Pflicht. Diese Pflicht ist sowohl in der Apothekenbetriebsordnung (§ 20 Abs. 1 ApBetrO) als auch in den Berufsordnungen der jeweiligen Apothekerkammern fest verankert.

Die Apothekenleitung muss im Rahmen des Qualitätsmanagementsystems (QMS) sicherstellen, dass Patienten über Arzneimittel und apothekenpflichtige Medizinprodukte ausreichend beraten werden. Dabei gilt es, die Beratung aktiv anzubieten und durch Nachfrage den Beratungsbedarf zu ermitteln.

Von umweltrelevanten Arzneistoffen

In Deutschland sind über 2300 Arzneistoffe zugelassen, das Umweltbundesamt stuft circa die Hälfte aller Wirkstoffe als umweltrelevant ein. In welchem Ausmaß die Umwelt von den Arzneimittelrückständen betroffen ist, ist noch nicht abschließend geklärt, zu viel wurde noch nicht erforscht. So gilt das Vorsorgeprinzip: Je weniger Arzneimittel in die Umwelt gelangen, desto besser. Was Wirkstoffe in der Natur genau verursachen, ist wenig erforscht. Doch oftmals sind die Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt fatal, wie folgende Beispiele zeigen:

Ethinylestradiol

Das Hormonderivat Ethinylestradiol gehört zur Gruppe der Estrogene und wird vor allem zur Empfängnisverhütung eingesetzt. Die „Pille“ ist ein beliebtes Verhütungsmittel, doch die Auswirkungen auf die Umwelt sind drastisch: Forschungen haben gezeigt, dass Ethinylestradiol bei verschiedenen Fischarten – vor allem bei Karpfen – die Reproduktion hemmen oder die Geschlechtsorgane verändern. Dies kann ganze Populationen zusammenbrechen lassen. Zudem wurden weibliche Merkmale bei männlichen Karpfen festgestellt.

Diclofenac

Diclofenac ist ein häufig verschriebenes, frei verkäuflich erhältliches Schmerzmittel. Es gehört zur Gruppe der nicht steroidalen entzündungshemmenden Arzneistoffe. Gelangt es ins Abwasser, so schädigt es bei Regenbogenforellen die inneren Organe, vor allem Niere und Leber werden beeinträchtigt. Zusätzlich ließ Diclofenac wiederholt Populationen verschiedener Geier-Arten zusammenbrechen.

Die Vögel hatten zuvor verendete Tiere – zum Beispiel Kühe – gefressen, die mit Diclofenac behandelt worden waren. In der Apotheke könnte man Kunden z. B. raten, nach dem Auftragen eines Diclofenac-haltigen Gels (z. B. Voltaren Schmerzgel, Diclofenac Heumann) mehrere Stunden nicht zu duschen, sodass weniger Wirkstoff ins Abwasser gelangt.

Metformin

Metformin wird bei Patienten mit Diabetes Typ 2 eingesetzt. Der Arzneistoff gehört zu den weltweit häufigsten verschriebenen Arzneimitteln. Nehmen Patienten Metformin ein, gelangen nur 50 bis 60 Prozent in ihren Blutkreislauf. Der Rest, also fast die Hälfte, wird unverändert ausgeschieden und wurde bereits im Trinkwasser nachgewiesen. Forscher konnten das Antdiabetikum in Deutschland im Trinkwasser nachweisen.

Auf Fische wirkt Metformin wie ein Hormon. Forscher entdeckten, dass Männchen Merkmale einer Intersexualität entwickelten. Sie zeigten eine kleinere Körpergröße und die Fruchtbarkeit einer Karpfenart, der amerikanischen Dickkopfelritze, war verringert, wenn sie Metformin ausgesetzt waren.

Propranolol

Propranolol wird unter anderem bei Bluthochdruck verschrieben. Es hemmt die Wirkung des „Stresshormons“ Adrenalin. Eine Laborstudie hat gezeigt, dass Propranolol die Vermehrung des mexikanischen Flohkrebses stört. Weitere Studien zeigten, dass Propranolol das Wachstum des Japanischen Reisfisches hemmt.

Carbamazepin

Carbamazepin ist unter anderem in der Epilepsie-Therapie zu finden. Der Mensch metabolisiert den Arzneistoff, Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung verwandeln ihn wieder zurück in seine ursprüngliche Form. Zudem ist er kaum biologisch abbaubar. Daher ist er in der Umwelt ubiquitär und wurde sowohl im Trinkwasser als auch im Klärschlamm nachgewiesen. Mehrere Studien haben die ökotoxikologische Wirksamkeit untersucht. Je nach Konzentration zeigen sich Wachstumsverzögerungen bei Algen und Pflanzen. Auch wirbellose Tiere und Fische sind betroffen.

Auf richtige Entsorgung hinweisen

Letztlich ist es eine pharmazeutische Aufgabe, auch über die richtige Entsorgung von Arzneimitteln zu informieren. Dazu gehört bei Bedarf auch eine umfangreiche Aufklärung über die Auswirkungen der Arzneimittelrückstände im Wasser. Doch leider gelangen die Arzneistoffe nicht nur durch die Ausscheidung in das Abwasser, sondern auch durch falsche Entsorgung. Noch immer glaubt ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung, dass Arzneimittel über die Toilette oder das Waschbecken entsorgt werden, vor allem, wenn es sich um flüssige Arzneimittel handelt, ist dieser Irrglaube weit verbreitet.

Das pharmazeutische Personal kann dem entgegenwirken, indem es auf die richtige Entsorgung der Arzneimittel bei der Abgabe hinweist. Doch häufig weiß das Apothekenpersonal gar nichts um die richtige Entsorgung in ihrer Kommune. Das ist in Deutschland leider nicht einheitlich geregelt. Abhilfe schafft die Webseite arzneimittelentsorgung.de. Dort kann je nach Postleitzahlenbereich der richtige Entsorgungsweg gefunden werden.

Zu umweltrelevanten Arzneiformen

Nicht nur die Arzneistoffe selbst haben einen Einfluss auf unsere Umwelt. Auch Hilfsstoffe in Arzneiformen können die Umwelt, insbesondere das Klima, schädigen. Die Darreichungsform eines Arzneistoffs kann neben dem anfallenden Verpackungsmüll weitere Auswirkungen auf die Umwelt haben.

Dies gilt speziell für Asthmasprays: In der pharmazeutischen Technologie lernen wir, dass es neben Dosieraerosolen auch Pulverinhalatoren gibt. Sie wurden entwickelt, weil ihre Vorgänger, die klassischen Dosieraerosole, die Umwelt schädigen. Dosieraerosole sind mit klimawirksamen Gasen wie fluorierten Kohlenwasserstoffen gefüllt. Sie funktionieren ähnlich wie Spraydosen.

Forscher aus England haben den CO2-Abdruck dieser Arzneiformen berechnet. Dazu untersuchten sie Dosier-aerosole, die klimaschädlichen Gase wie HFA-134a (Norfluran) und HFA-227ea (Apafluran, Heptafluorpropan) enthalten. Das sind Treibhausgase, die zwar nicht wie FCKWs (Fluor-Kohlenwasserstoffe) die Ozonschicht angreifen, aber den Treibhauseffekt verstärken. Eine Umstellung der Patienten auf einen Pulverinhalator könnte nach den Berechnungen der Wissenschaftler den CO2-Fußabdruck verringern. Zeitgleich sind Pulverinhalatoren kostengünstiger. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass ein Spray bis zu zehn- bis 37-mal mehr klimawirksame Gase freisetzt als ein Pulverinhalator.

Eigenes Handeln: Umweltbewusstes Arbeiten in Labor und Rezeptur

In der Uni haben wir es gelernt: Schwermetalle gehören nicht in den Abfluss und Halogenhaltige Lösungsmittel sind umweltgefährdend. Organische und anorganische Lösungsmittel sind getrennt voneinander zu entsorgen. Über diese Grundsätze hinaus können wir auch in der Apotheke, im Labor und in der Rezeptur umwelt- und ressourcenschonend arbeiten. Ansatzpunkte gibt es viele.

Zunächst solltet Ihr Euch die umweltrelevanten Arzneistoffe in der Rezeptur bewusstmachen. Arbeitet Ihr mit diesen Stoffen, solltet Ihr die verwendeten Gegenstände (Wägeschälchen, Löffel, Mörser, …) zunächst mit Zellstoff reinigen, damit Arzneistoffreste nicht mit dem Abwasser abgespült werden. Der Zellstoff wird dann im Restmüll entsorgt. Nachhaltiger wird es, wenn Ihr nicht übermäßig viel Zellstoff verwendet.

Schon hier fängt ressourcenschonendes Arbeiten an und es setzt sich beim Umgang mit Wasser fort: Denn wer wassersparend reinigt, spart nicht nur Geld, sondern eine wertvolle Ressource. Auch mit weiteren Materialien in Labor und Rezeptur solltet Ihr sparsam umgehen, um Müllberge zu vermeiden.

Probleme lösen und in Worte fassen

Um den Umweltkillern entgegenzuwirken, sind aus pharmazeutischer Sicht zwei Maßnahmen notwendig: Zum einen ein breites Wissen über die Arzneistoffe und -formen. Zum anderen muss dieses Wissen den Patient:innen in verstständlicher Form vermittelt werden. An deutschen Universitäten hat sich bisher noch kein einheitliches System etabliert, klima- und umweltrelevante Themen in Bezug auf Gesundheit und Pharmazie zu vermitteln. Einzelne Lichtblicke und „Leuchtturmprojekte“ geben aber Anlass zur Hoffnung, dass sich das Bewusstsein stärker in der Pharmazie und in der pharmazeutischen Bildung etabliert. Nicht zuletzt wird das Selbststudium und das Interesse der jungen Generation dazu beitragen – unter anderem aus der Fridays for Future-Bewegung.

Nach dem Studium sind für die Fort- und Weiterbildung vor allem die Apothekerkammern verantwortlich. Auch hier hat sich noch kein flächendeckendes Konzept entwickelt. Hier bleibt zu hoffen, dass sich die Berufsvertretungen der Herausforderung stellen und ihrer Aufgabe gerecht werden. Der andere wichtige Bereich ist die Praxis, der Alltag in der Apotheke, die Gespräche mit dem Team und den Patient:innen.

Esther Luhmann, Valencia, Spanien

arbeitet als Apothekerin in Berlin und Valencia. Sie ist Referentin im Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VdPP) und Gründungsmitglied der „Pharmacists for Future”