Fotografie: Silvio Knezevic

Colourful Europe

Streifzug durch die bunte Apothekenlandschaft unseres Kontinents

Hyvää päivää, Bonjour, Boa tarde, Buenos dias, Dzień dobry! All das ist Europa. So unterschiedlich die Sprachen, sind auch die Länder und damit auch ihre Apothekensysteme. Die UniDAZ hat einen Blick über den Tellerrand geworfen und sich angeschaut, wie Pharmazie in der Praxis in anderen europäischen Ländern aussieht, und dazu Apotheker nach ihrer Meinung gefragt.

Betrachten wir die Europäische Union, so reden wir von 447 Millionen Bewohnern. In den 27 Mitgliedstaaten gibt es insgesamt ungefähr 143.000 Apotheken. Jedes Land kann dabei weitestgehend sein Apothekensystem selbst bestimmen. Vielfalt ist da vorprogrammiert.

Apothekenketten versus inhabergeführte Apotheken

In Deutschland gilt das Fremdbesitzverbot, das heißt, dass nur ein Apotheker Inhaber einer Apotheke sein darf und kein Investor. Das Mehrbesitzverbot wurde 2004 zwar gelockert, erlaubt aber nur bis zu drei Filialapotheken. Während es hierzulande also keine Apothekenketten geben darf, sieht das in anderen Ländern ganz anders aus. Norwegen und Schweden zeichnen sich durch Privatisierung und Liberalisierung seit den 2000er-Jahren als Apothekenmärkte mit überwiegend Ketten aus (s. Artikel „Im Land der Fjorde, Nordlichter und Apothekenketten“ von M. Schwarz). Polen ging diesen Schritt rückwärts. Dort machten im Jahr 2016 kleine (5–14 Filialen) und große (> 50 Filialen) 30 % des Apothekenmarkts aus. Dann wurden 2017 nur noch maximal drei Filialen erlaubt.

Umstrittener Piks: Impfung in der Apotheke

Was unter normalen Umständen wahrscheinlich Jahre gedauert hätte, wurde durch die Pandemie beschleunigt: Impfungen durch Apotheker in Deutschland. Bislang durften Pharmazeuten in deutschen Offizinen nur in Modellprojekten Grippeschutzimpfungen durchführen. Dagegen wurde in anderen europäischen Ländern in Apotheken schon länger fleißig geimpft. Bis Oktober 2021 impften Apotheker in insgesamt zehn europäischen Ländern gegen Grippe, Pilotprojekte eingeschlossen: in Dänemark, Frankreich, Griechenland, Irland, Norwegen, Portugal, der Schweiz, Großbritannien, Italien und Deutschland. Die Einbeziehung der Pharmazeuten stellte sich als erfolgreich heraus, wie man am Beispiel von Frankreich sehen kann: Von Mitte Oktober 2020 bis Anfang Januar 2021 verimpften die französischen Pharmaciens 3,7 Millionen Dosen Grippeimpfstoff, was eine von drei Impfungen im Land ausmacht. Auch in Irland findet das Impfen in öffentlichen Apotheken schon seit einigen Jahren großen Anklang. In einer Befragung im Jahr 2015 gaben 93% der dort Geimpften ihre Zufriedenheit mit 9/10 beziehungsweise 10/10 Punkten an. In acht Ländern durften Apotheker bereits im Herbst 2021 nach absolvierter Schulung COVID-19-Impfungen verabreichen, darunter auch Belgien und Polen. Die Vorteile von Impfungen in Apotheken liegen auf der Hand: Durch ihre flächendeckende Verteilung und ihr niederschwelliges Angebot stellen sie eine optimale Ergänzung zur Impfung durch Arztpraxen dar. So können insgesamt mehr Menschen erreicht werden. Außerdem erlangt der Apothekerberuf dadurch mehr Kompetenz.

Was sagen Apotheker über ihr Apothekensystem?

Für weitere Einblicke hat die UniDAZ Apothekern in Europa Fragen zum Apothekensystem in ihrem Land gestellt.
Hier sollen sie kurz vorgestellt werden, und im Folgenden werden ihre spannendsten Antworten jeweils mit der Länderbezeichnung wiedergegeben.

Finnland: Kirsi Lummepuro hat zwölf Jahre Berufserfahrung als Apothekerin, ist Master of Science in Pharmazie und arbeitet für einen Personaldienstleister für finnische Apotheken.

Estland: Siiri Jürgenson ist Apothekerin mit 13 Jahren Berufserfahrung und arbeitet als Leiterin der Apotheka Tasku.

Schweiz: Der Apotheker war fünf Jahre in einer Apotheke als Angestellter und Geschäftsführer tätig und wirkt inzwischen aktiv an der Gestaltung des Berufsbildes als Apotheker im Schweizerischen Apothekerverband mit.

Niederlande: Dr. Ka-Chun Cheung ist Manager für Unternehmensangelegenheiten und internationale Angelegenheiten bei der niederländischen Dachorganisation für Berufsapotheker und Apotheken, der Royal Dutch Pharmacist Association (KNMP).

UniDAZ: Welche Berufe gibt es bei euch in der Apotheke?

Finnland: Apothekenleiter mit einem Master of Science in Pharmazie, Apotheker mit entweder Master oder Bachelor of Sc in Pharmazie für die pharmazeutische Beratung. Daneben technisches Personal für logistische Tätigkeiten, Kassieren und Beratung zu Nichtarzneimitteln.

Estland: Apotheker und Apothekerassistenten für Verkauf und Beratung von Arzneimitteln. Kundenbetreuer für u. a. Beratung und Verkauf von Hygieneprodukten, Nahrungsergänzungsmitteln und Medizinprodukten sowie Hilfspersonal.

Niederlande: Offizinapotheker, die nach der sechsjährigen universitären Ausbildung noch eine zweijährige Weiterbildung absolvieren müssen. Pharmazeutische Assistenten, die eine dreijährige Ausbildung durchlaufen, und Angestellte ohne pharmazeutische Ausbildung wie Boten oder Buchhalter.

Schweiz: Apotheker, Pharma-Assistenten (ähnlich der deutschen PTA; zukünftig als Fachfrau oder Fachmann Apotheke bezeichnet) und je nach Lage und Größe der Apotheke auch Drogisten und Kosmetiker.

UniDAZ: Welches sind eure Haupttätigkeiten?
Die Ausgabe von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln und die Beratung zu deren Anwendung und zur Selbstmedikation wurden von allen Apothekern genannt. Hier nur die Besonderheiten dazu.

Estland: Alle Apotheken haben das Recht und die Verpflichtung, alle auf dem Markt befindlichen Arzneimittel anzubieten. Gibt es eine Auswahl mehrerer Arzneimittel, muss dem Patienten zunächst das günstigste angeboten werden. Zur Herstellung nicht steriler Arzneimittel sind grundsätzlich alle Apotheken in Städten mit mehr als 4.000 Einwohnern verpflichtet, aber es gibt in jeder Stadt bestimmte Apotheken, die das täglich tun.

Niederlande: Bei der Belieferung eines Rezepts kommt es nicht nur auf das richtige Medikament an, sondern auch darauf, ein Risikomanagement durchzuführen, in welchem Dosierung und Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln geprüft werden. Neben der Beratung des Kunden zu (neuen) Medikamenten, Selbstmedikation oder der Herstellung von Rezepturarzneimitteln bieten Apotheken auch weitere pharmazeutische Dienstleistungen an. Dazu gehören zum Beispiel Verblisterung, Medikationsanalyse und Medication reconciliation. Letztere wird eingesetzt, wenn die Medikation umgestellt wurde, z. B. nach Entlassung aus der Klinik. Dazu wird eine detaillierte Aufstellung aller Arzneimittel gemacht, die der Patient einnimmt. Diese wird mit den verschriebenen Medikamenten abgeglichen. Eventuelle Diskrepanzen werden abgeklärt, um Medikationsfehler zu vermeiden.

Schweiz: Die Hauptfunktionen in der öffentlichen Apotheke sind zwischen Deutschland und der Schweiz vergleichbar. Als großer Unterschied zur deutschen Praxis ist jedoch die patientennähere Beratung und Betreuung zu nennen. Angefangen mit Programmen wie NetCare, Darmkrebs-Vorsorge oder Impfungen kann der Apotheker unter Zuhilfenahme seiner fundierten Kenntnisse bei der Vorsorge wie auch bei der Behandlung von akuten Beschwerden den Patienten fachlich und medikamentös unterstützen. Ein klassisches Beispiel wäre eine Patientin mit einer Blasenentzündung in der Apotheke. Hier haben wir die Möglichkeit, eigenständig eine Erstabklärung zur Schwere der Erkrankung durchzuführen und danach in eigener Verantwortung eine Therapie einzuleiten, z. B. mit einem Antibiotikum, und den Therapieverlauf zu verfolgen. Natürlich werden schwere oder riskante Verläufe weiterhin beim Arzt behandelt. Durch gezielte Weiter- und Fortbildungen sind wir in der Lage, diesen Erstentscheid durchzuführen. Dieser therapeutische Spielraum, der auch zusehends von den privaten Versicherern anerkannt wird, ermöglicht es dem Patienten, schnell und einfach Hilfe zu erhalten.

UniDAZ: Gibt es Arzneimittel außerhalb der Apotheke?

Finnland: Arzneimittel werden hier nur in Apotheken vertrieben. Einige Apotheken arbeiten mit Lebensmittelgeschäften in Randgebieten zusammen, sodass die Einwohner dort einige gängige Arzneimittel zur Selbstmedikation kaufen können, z. B. Paracetamol, Ibuprofen und Xylometazolin-Nasenspray.

Estland: Es gab häufiger Diskussionen darüber, ob Lebensmittelgeschäfte oder Tankstellen bestimmte Arzneimittel in kleinen Packungen anbieten dürfen. In Hinblick auf die Arzneimittelsicherheit haben der öffentliche Sektor und die Apotheken das bisher abgelehnt, und deshalb gibt es Arzneimittel nur in Apotheken.

Niederlande: Ja, auch Drogerien und Supermärkte verkaufen rezeptfreie Arzneimittel.

Schweiz: Es gibt die Möglichkeit der sogenannten Selbstdispensation in einigen Kantonen, wodurch die Ärzte eigenständig verschreibungspflichtige Medikamente an die Patienten abgeben können. Durch die vorher erwähnten Programme und die Befähigung des Apothekers ist der Begriff der Rezeptpflicht oftmals durch eine „Apothekerpflicht“ ersetzbar. Arzneimittel, bei denen keine Fachberatung benötigt wird, können sogar in Supermärkten gefunden werden.

UniDAZ: Was liebt ihr an eurem Beruf?

Finnland: Das Beste an meiner Arbeit ist es, Kunden zu helfen und Lösungen für ihre arzneimittelbezogenen Probleme zu finden.

Estland: Wir haben einen sich schnell verändernden und sich stark entwickelnden Apothekensektor, in dem jeder mitbestimmen kann. Es werden nur noch digitale Rezepte verwendet, die meisten Apotheken sind papierlos, und fast alle Dokumente sind digital. Inhaber einer Apotheke kann nur noch ein Apotheker sein. Estland ist eines der führenden Länder bei der Entwicklung der personalisierten Medizin. So wurde eine Gendatenbank mit Daten von bereits fast 200.000 Menschen aufgebaut, welche für die Einführung der personalisierten Medizin genutzt werden soll. Wenn alles nach Plan läuft, sollen die ersten Therapievorschläge auf Basis genetischer Daten 2023 gemacht werden. Auch unsere Apotheke hat dazu beigetragen, diese Genproben zu sammeln. Mir gefällt auch das Arbeitsumfeld in der Apotheke: Es gibt ständig positive Veränderungen – neue Medikamente kommen auf den Markt, und das Bewusstsein der Menschen für ihre Gesundheit wird immer besser. Unser Service wird immer patientenorientierter, weil Apotheker und Kunde gemeinsam Entscheidungen treffen. Aber seien wir ehrlich: Morgens gehe ich immer noch motiviert zur Arbeit, weil die besten Kollegen der Welt auf mich warten. Die Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen den Apothekern ist hervorragend.

Schweiz: Die angesprochene Vielfältigkeit und die erstaunliche Vielseitigkeit der pharmazeutischen Wissenschaften mit Anknüpfungspunkten in Industrie, Krankenhaus und Offizin, aber auch Politik, Verwaltung und Forschung und noch zahlreichen mehr sorgen meiner Meinung nach für ein abwechslungsreiches und spannendes Tätigkeitsfeld. Und gerade im Bereich der Offizin habe wir als Apotheker deutlich mehr Kompetenzen und Wirkungsspielraum als in den meisten Nachbarländern.

UniDAZ: Was sind eure aktuellen Herausforderungen?

Finnland: Eine der aktuellen Herausforderungen bei der täglichen Arbeit ist das Fehlen eines aktuellen Medikationsplans, mit allen Arzneimitteln, die der Patient zurzeit einnimmt. Dieser würde uns helfen, die Gesamtmedikation besser zu überblicken und mögliche Probleme und Wechselwirkungen zu erkennen. Auch die Zusammenarbeit mit den örtlichen Gesundheitseinrichtungen müsste verbessert werden.

Estland: Estland hat 1,33 Millionen Einwohner und rund 500 Apotheken. Es gibt einen Fachkräftemangel. Außerdem ist aufgrund der COVID-19-Situation der gesamte Medizin- und Dienstleistungssektor übermüdet, und wir versuchen, Burn-out und psychische Probleme bei unseren Mitarbeitern zu verhindern. Auch die Harmonisierung der Apothekendienstleistungen in ganz Estland ist ein sehr aktuelles Thema. Zu diesem Zweck haben wir einen Leitfaden für die Qualität erstellt, in dem beschrieben wird, was eine gute Apothekendienstleistung ausmacht. Wir möchten die Apotheker dazu ermutigen, diesen Leitfaden zu nutzen und umzusetzen. Die besten werden mit einer Auszeichnung geehrt. Nicht zuletzt sind die Kommunikation und die Erwartungen an Dienstleistungen bei der neuen Generation völlig anders als die der heutigen. Das müssen wir verstehen und uns entsprechend anpassen.

Niederlande: In der Vision 2025 für Offizinapotheker werden drei Ziele angestrebt: Professionalität, Zusammenarbeit und Praxis. Es geht dabei um die Entwicklung und die Wahrnehmung des Apothekers als Arzneimittelspezialist. Außerdem um die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker, mit dem Austausch von Daten wie Laborwerten und Diagnosen, und zwischen Apothekern auf regionaler Ebene. Die Vergütung soll sich nicht an Packungszahlen, sondern an der pharmazeutischen Versorgung orientieren. Bei der Definition dieser Ziele wurden vier Entwicklungen gesehen, mit denen in den nächsten Jahren umgegangen werden muss: die erhöhte Lebenserwartung, ein angespannter Arbeitsmarkt, die zunehmende Digitalisierung und die steigenden Kosten im Gesundheitssystem.

Schweiz: Neben der Bewältigung der aktuellen Gesundheitskrise gibt es einige Bereiche, die einen Wandel für die Apotheken bedeuten. Ziel dabei: Die Apotheke als niederschwelliges Gesundheitszentrum und der Apotheker als kompetenter und moderner Dienstleister darin. In einer föderalen Struktur wie der Schweiz, in der die Kantone über die Ausgestaltung des Gesundheitswesens bestimmen, braucht es sehr viel Verhandlungsgeschick und Überzeugungskraft, um gemeinsame, nationale Standards und Strategien zu entwickeln und umzusetzen.

UniDAZ: Was sollte sich ändern?

Finnland: Meiner Meinung nach sind in den finnischen Apotheken keine großen Veränderungen nötig. Die Bürger sind seit Jahren sehr zufrieden mit den Apotheken. Zurzeit wird viel über Impfungen durch Apotheker diskutiert, was in vielen europäischen Ländern der Fall ist. Einige finnische Apotheken bieten Dienstleistungen an, die von Krankenpflegern durchgeführt werden, einschließlich Impfungen und Gesundheitsmessungen.

Estland: Wir sind der Meinung, dass das Wissen und die Fähigkeiten der Apotheker im Gesundheitssystem zu wenig genutzt werden, und wollen daher stärker integriert werden. Dazu möchten wir Zugang zu den Gesundheitsinformationen der Patienten, am digitalen Informationsaustausch mit anderen Heilberuflern teilnehmen und in das Behandlungsteam und die nationale Entscheidungsfindung einbezogen werden. Als Apotheker wollen wir auch Impfungen und sogenannte Drug Use Evaluations anbieten. Bei diesen wird die Arzneimitteltherapie bewertet, und bei Bedarf werden Therapieänderungen vorgeschlagen. Für beides lassen sich Pharmazeuten bereits entsprechend ausbilden.

Niederlande: Die derzeitige Honorierung bezieht sich auf die Abgabe von Arzneimitteln. Ziel sollte eine gerechte Vergütung für die pharmazeutischen Dienstleistungen und die pharmazeutische Versorgung sein.

Schweiz: Die Unabhängigkeit der Apotheken von Vertriebsmargen und der Ausbau einer besseren interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Gesundheitsdienstleistern sind wesentliche Meilensteine unserer zukünftigen Entwicklung. Auch die zunehmende Digitalisierung im Gesundheitswesen mit Webshops, Patienten-Apps großer IT-Unternehmen und die steigenden Anforderungen an Datenverarbeitung und Datenschutz sorgen für Unsicherheit und sind doch zugleich auch eine Chance für die Apotheken. Von allen Gesundheitsberufen waren die Apotheker in der Schweiz schon immer an vorderster Stelle bei der Integration und Umsetzung neuer digitaler Strategien und haben sich auf diese Weise ihren innovativen und modernen Charakter bewahrt. Dieser Wandel ist noch lange nicht beendet und fordert weiterhin viel Engagement, um am Markt bestehen zu können.

Desiree Aberle, Stuttgart

Desiree Aberle (dab) hat Pharmazie in Heidelberg studiert. Für eine Hälfte ihres PJs war sie in einer Klinikapotheke. Nach der Approbation arbeitete sie mehrere Jahre in einer öffentlichen Apotheke bevor sie im Oktober 2021 ihr Volontariat bei der Deutschen Apotheker Zeitung begann.