Foto: Benjakon
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Oh schöner, geiler Klick

Was braucht der Mensch, um glücklich zu sein? Kein Dauer-Scrollen im Internet, das ist klar. Und doch hocken wir da und machen weiter.

Hier sitze ich nun, 14:15 Uhr an einem lauen Nachmittag, draußen scheint die Sonne, hier drin sollte ich einen Text schreiben, eine Angelegenheit, für die es messerscharfe Konzentration bräuchte, wie beim Lernen, wie beim Lieben, wie beim Genießen eines Augenblicks, Fokus auf nur eine Sache, dafür wirklich, eintauchen, abtauchen.

Aber irgendwas ist unangenehm daran, ich bin unruhig, ich hasse es, mich mühsam durch meine Gedanken zu kämpfen, so viel einfacher, der Klick in den Posteingang, so viel lustiger, schauen zu gehen, was die Leute so auf Facebook posten, hat mein Freund eigentlich zurückgeschrieben?

Ich bin doch im Grunde klug und besonnen, manchmal, lese seit Monaten und Jahren so viel zur Digitalisierung und zu Social Media, zur Aufmerksamkeitsökonomie und all dem Zeug, ich studiere Positive Psychologie, die mir beibringt, was ein gutes Leben ausmacht. Und denke trotzdem noch alle paar Minuten an mein Smartphone, das da drüben in der Ecke liegt, und an all die Irrelevanz, in die ich mich schmiegen will.

Weil es so viel einfacher für mein Gehirn ist, das noch immer ziemlich prähistorisch geprägt ist, einem kurzen Kick nachzugehen als deep work, sogenannter Arbeit in voller Konzentration. Fühlt sich so lustig an wie Brausetabletten auf der Zunge im Sommer, rasch vorbei, nichts geschadet, ein bisschen was Neues, im sonst schnöden Alltag.

Wenn wir Plattformen wie Facebook länger und schneller durchscrollen, verdienen die Betreiber mehr Geld durch Werbung. Algorithmen unterstützen dieses Nutzerverhalten.
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Nur, dass ich mittlerweile ständig Brausetabletten auf der Zunge habe, ständig klicke, ständig like, ständig checke, ob mich jemand braucht, so lange, bis meine Zunge vor lauter Brause ganz taub ist und ich nicht mehr weiß, wie das Essen, das ich eigentlich zum Überleben brauche, eigentlich schmeckt. Ich habe mir in pawlowscher Manier ein Verhalten antrainiert, wie es sich die meisten von uns antrainiert haben, ständiges Onlinesein, ständiger Griff zum Handy, ständig Plattformen durchforsten, ständiges Unterbrechen von allem, was grade ist, Arbeit, lesen, kurz warten an der Bushaltestelle, Freunden zuhören, Langeweile aushalten.

Ich habe mir damit aber, so wie wir alle, eine Hölle geschaffen, aus der ich nur schwer wieder herausfinde. Die ständigen Unterbrechungen, das Reagieren auf alles, was sich bewegt, zersetzen meine Hirnleistung täglich ein kleines Stückchen mehr. Neurowissenschaftler haben das längst belegt: Das Internet ist programmiert, unser Denken und unsere Wahrnehmung zu fragmentieren, kleinste Wissenseinzelteile, kleinste Happen, schau mal, ein Katzenvideo, hast du was gesagt?

Dabei ist die Fähigkeit der Konzentration und des single taskings etwas vom Wichtigsten, das wir in dieser heutigen, schnellen, digitalen Welt brauchen, um erfolgreich zu sein. Denn die wichtigsten Lebensfragen und die größten kognitiven Leistungen erbringen Menschen in höchster Konzentration. Im Wiederholen. Im Dranbleiben. Im tiefersinken. Ununterbrochene 15 Minuten dauert es im Schnitt, bis ein Mensch überhaupt fähig ist, in den Flow zu kommen, hat der Wissenschaftler Mihály Csíkszentmihályi erforscht.

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Ein Flowzustand, den wir uns alle herbeisehnen, surfen auf der Welle, vergessen sein im Moment, die Neuronen, die feuern, alles ergibt plötzlich einen Sinn. Wir vergessen den Ort, die Zeit, dass wir Hunger haben, wir flowen durchs Leben, und es fühlt sich verdammt gut an. Ein Rausch, ähnlich wie auf einer Party, doch ohne Kater, und mit kreativen Ergebnissen, die meistens das übersteigen, was wir von uns für möglich hielten. Der Flowzustand ist mitunter verantwortlich für das Glücksempfinden. Je öfter ein Mensch diesen Zustand erlebt, desto glücklicher ist er. Und glücklich ist er auch, wenn er mit seinen Gefühlen im Reinen ist, Verletzlichkeit zeigen kann, sich wirklich verbunden fühlt. Was nur passieren kann, wenn er eine Verbindung zum realen Moment herstellen kann. Sich emotional und geistig auf das einlassen kann, was gerade in ihm oder vor ihm passiert.

Jedes Mal, wenn wir etwas sehen und die Kamera sofort draufhalten, nervös rumtexten, während wir im Bus die Landschaft an uns vorbeiziehen lassen, alles mit Musik untermalen und hundert Links anklicken, betäuben wir uns. Die amerikanische Forscherin Brené Brown spricht von numbing, betäuben, wir betäuben mit dem Smartphone unsere Sinne wie mit Alkohol, Drogen, Sex, Fressattacken, zu viel Sport.

Und es ist ja so leicht, zum Handy zu greifen, wenn es gerade ein wenig unangenehm wird, wir die Kontrolle verlieren, das Gegenüber grade selbst ins Handy schaut, wir nicht mehr wissen, wohin der Weg geht. Das Smartphone in unserer Hand ist ein Leuchtturm, es ist ein Licht im Dunkeln, die beste Waffe, um nicht fühlen zu müssen, dass wir mit unserer Zeit gerade nichts Besseres anzufangen wissen oder fühlen, wie sehr uns unser Partner fehlt, der sich nicht meldet, oder wenn wir nicht wissen, wie viel wir eigentlich wert sind und einfach ein Foto hochladen können und es ein paar klatschende Hände dafür gibt und alles ist für einen kurzen Moment eigentlich ganz gut.

Die Fähigkeit des „single taskings“ gehört zu den wichtigsten, die wir in der heutigen Welt gebrauchen können.
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Aber nichts ist gut, das wissen wir schon lange, wir fühlen das, weil das echte Glück und wirkliche Zufriedenheit eben dann doch nicht aus diesen Screen-Momenten geboren werden, sondern in Momenten an Sommerabenden mit echten Freunden, wenn wir es das erste Mal schaffen, eine Felswand hochzuklettern oder unserem Chef mal ehrlich die Meinung sagen und uns dem Konflikt stellen. Danke für den verdrogten Alltag, Smartphone, aber ich hab da langsam keine Lust mehr drauf. Die Kicks werden kleiner, die verlorene Zeit zieht sich langsam in die Jahre. Und du so? Heute schon gelebt?

Ich behalte dich, Smartphone, aber ich mach ein paar Dinge stumm an dir, ich lass dich nicht mehr nach mir schreien, jede Tages- und Nachtzeit. Dieses ganze Spiel mit meiner Aufmerksamkeit, dieses Social-Media-Experiment einiger Super-Dudes aus dem Silicon Valley, an dem wir alle bereitwillig mitgemacht haben, obwohl wir nur draufzahlen, das hat jetzt ein Ende. Zeit, mein Denken zurückzuerobern. Meine Zeit. Meine Fähigkeit, Leere zu empfinden und sie mit etwas Gutem zu füllen, aktives Produzieren statt sinnlosem Konsumieren. Wir reden alle davon, dass die Konsumgesellschaft ein Ende haben muss, sonst geht der Planet zugrunde. Dann lasst uns mal auch darüber reden, dass der sinnlose digitale Konsum ein Ende haben muss. Sonst gehen unsere Gehirne und Seelen zugrunde.

Anna Miller

Anna Miller ist freie Journalistin und Autorin mit Fokus auf Gesellschaftsthemen. Sie publiziert unter anderem im Magazin der Süddeutschen Zeitung, bei Zeit Online sowie in der NZZ am Sonntag. Sie ist ausserdem Positive Psychologin und Digital Balance Coach. www.anna-miller.ch