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Was man nicht versteht, besitzt man nicht

Hirnforscher Henning Beck über Bildung, die bleibt, und schnelles Wissen, das vergeht

Henning Beck schreibt Bücher und hält zahlreiche Vorträge rund um das Thema Hirnforschung. Bis 2008 studierte er Biochemie in Tübingen und promovierte 2012 im Fach Neurowissenschaften. Im Anschluss erhielt er einen Diplom-Abschluss in Projektmanagement an der University of California in Berkeley und unterstützte Start-ups in der San Francisco Bay Area, mithilfe der Neurowissenschaft Ideen entwickeln zu können.

In seinem Anfang 2020 erschienenen Buch „Das neue Lernen heißt Verstehen“ beleuchtet Henning Beck das Lernen von einer wissenschaftlichen Seite und schafft gleichzeitig eine unterhaltsame Lektüre. Er stellt populärwissenschaftliche Lernmethoden vor und hinterfragt gleichzeitig den Nutzen von Turbo-Lerntechniken. Das Geheimnis liegt darin, sich für etwas begeistern zu können und ein Konzept zu entwickeln, damit man verstehen kann. Was erst einmal anstrengend und zeitaufwendig klingt, entpuppt sich in vielerlei Hinsicht als die beste Methode, um eine nachhaltige Bildung aufzubauen.

Beim Lesen seines Buches „Das neue Lernen heißt Verstehen“ erfährt man anhand konkreter Tipps und Vorschläge, wie man besser begreifen kann. Es werden einfache Maßnahmen vorgestellt, wie man an Schulen, Universitäten oder bei Fortbildungen echte Bildung erzielen kann, ohne einen Systemsturz in die Wege leiten zu müssen. Und ganz nebenbei erfährt man auch noch etwas darüber, wie unser Gehirn funktioniert.

Im Interview mit der UniDAZ spricht Henning Beck über seinen Werdegang und wie man an der Universität nicht nur Wissen eingehämmert oder reingeprügelt bekommt, sondern wirklich etwas kapieren kann.

UniDAZ: Herr Beck, wie sind Sie zum Biochemie-Studium gekommen?

Beck: Biochemie ist die umfangreichste aller Naturwissenschaften. Es gibt kaum eine naturwissenschaftliche Disziplin, die nicht in der Biochemie zusammenkommen würde. Es war für mich eine Art „Studium generale“.

UniDAZ: Und wie kam es, dass Sie sich dann auf Neurowissenschaft spezialisierten?

Beck: Nun, vor meinem Studium sah ich den Film „Matrix“. Da war klar, dass ich einmal die Matrix bauen will. Das hat sich als schwieriger herausgestellt, als ich dachte. Aber nichtsdestotrotz bin ich auf diesem Gebiet geblieben. Das Gehirn ist besonders spannend, da man seine Funktion nicht mit seinem Aufbau in Deckung bringen kann: Bei einer Lunge oder einem Herz kann man die Aufgabe des Organs anhand seiner Struktur erschließen. Beim Gehirn sieht man nur Gewebe und hat keine Ahnung, wie daraus Gedanken, Ideen oder dergleichen werden sollen. Niemand wird das Gehirn verstehen können, nachdem man jede einzelne Zelle analysiert hat. Genauso kann man nicht das Wetter verstehen, nachdem man jedes einzelne Molekül der Luft analysiert hat. Der Funktionsweise des Gehirns muss eine gänzlich andere Dynamik zugrunde liegen, die die Grenzen der Biochemie bei Weitem sprengt.

UniDAZ: Wie sind Sie zur Lernforschung gekommen?

Beck: Die Art, wie wir denken und wie wir Informationen verarbeiten, unterscheidet sich stark von dem, was populärwissenschaftlich verbreitet wird. Schaut man genauer hin, erkennt man, dass sich die menschliche Art zu lernen und zu verstehen stark von der Informationsverarbeitung von Computern oder der Tierwelt unterscheidet. Als vor einigen Jahren der Hype um künstliche Intelligenzen aufkam, wuchs in mir das Bedürfnis zu ergründen, was das menschliche Lernen im Besonderen ausmacht.

UniDAZ: Was unterscheidet das menschliche Denken von künstlicher Intelligenz?

Beck: Der Begriff „künstliche Intelligenz“ ist etwas irreführend. Ich hab bisher noch keine wirkliche Intelligenz bei irgendeinem Computersystem gesehen. KIs neigen z. B. zum „Overfitting“, sie sind zu stark an einen bestimmten Datensatz angepasst. Diese Maschinen können nicht verstehen. Sie arbeiten nach einem Regelwerk Daten ab und optimieren diese. Aber manche Bereiche unseres Lebens lassen sich nicht optimieren, denn bei den wichtigsten Fragen unserer Welt kann man nichts messen. Was ist der Sinn des Lebens? Bin ich glücklich? Wie wichtig ist Freiheit? Was ist Gesundheit? Hier gibt es nichts zu optimieren; ein System kann nichts damit anfangen.

„Verständnis wird in Teilen einem Zeitgeist geopfert, bei dem es immer schneller und effizienter gehen muss.“
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Menschen kommen auch mit viel weniger Daten klar. In der Corona-Pandemie müssen wir ohne eine hinreichende Menge von Datensätzen weitreichende Entscheidungen für die Gesellschaft treffen. Diese Entscheidungen werden uns noch in zehn Jahren betreffen. Wir müssen sie fällen, ohne zu wissen, ob es gut geht. Das kann keine künstliche Intelligenz. Außerdem: Wir Menschen können uns proaktiv überlegen „Was wäre, wenn?“ und anhand weniger Beispiele Produkte entwickeln, Regeln brechen und neue Regeln aufstellen. Das ist wichtiger als ein System, das sich auf einen Datensatz optimiert.

Wir Menschen lernen, indem wir Regeln brechen und über den Tellerrand hinausschauen. Wir stellen Dinge gegenüber: Wenn ich weiß, was ein Apfel nicht ist, zum Beispiel keine Birne, verstehe ich, was ein Apfel ist. Teenager brechen ständig die Regeln. Damit eine Maschine etwas verstehen könnte, müsste sie Grenzen übertreten und alles hinterfragen. Das wäre ein ganz mieses Produkt. Niemand würde das kaufen.


UniDAZ: Von der anderen Seite betrachtet: „Die Gefahr, dass der Computer so wird wie der Mensch, ist nicht so hoch wie die, dass der Mensch so wird wie der Computer.“ Das hat Konrad Zuse gesagt, der 1941 den ersten funktionsfähigen Computer baute. Glauben Sie, wir werden abgehängt, wenn wir unser Bildungssystem nicht verständnisorientierter ausrichten?

Beck: In der Tat sieht man jetzt schon, dass eine gewisse Einfältigkeit um sich greift, weil man das Gefühl hat, das Weltwissen wäre nur ein Tastendruck entfernt. Viele Menschen machen sich nicht die Mühe, die Dinge selbstständig konzeptionell zu durchdenken. Das ist nicht neu. Schon Immanuel Kant hat gesagt: „Warum muss ich denken, wenn ich nur bezahlen kann?“ Nie war der Spruch aktueller als heute.

Ich beobachte mit Sorge, dass die Bequemlichkeit im Denken durch Medien und Werbekampagnen immer mehr ausgenutzt werden kann. Technisch kann man heute diese Faulheit im Denken prima in Geschäftsmodelle verwandeln. Hier wird es kritisch: Gesellschaften leben von einem Austausch unterschiedlicher Perspektiven. Andernfalls besteht die Gefahr, dass man sich unverstanden gegenübersteht, weil sich Leute nicht mehr die Mühe machen, sich in den anderen hineinzuversetzen. In der Bildung sieht man das auch.

Verständnis wird in Teilen einem Zeitgeist geopfert, bei dem es immer schneller und effizienter gehen muss. Es wurden immer mehr Multiple-Choice- Tests an Universitäten eingeführt, weil wir eine einfachere und bessere Vergleichbarkeit wollten. Wir müssen darauf achten, dass wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Eine aufgeklärte und mündige Gesellschaft setzt voraus, dass man auch Widersprüche kennenlernt und weiß, wie man etwas ausprobiert.

UniDAZ: Was würden Sie anders machen, wenn Sie noch mal von Neuem Biochemie studieren würden? Haben Sie Fehler in der Art und Weise begangen, wie Sie gelernt haben?

Beck: Ich würde alles noch mal genauso machen. Ich denke, ich habe das Maximum herausgeholt, was möglich war. Natürlich habe ich nicht alles behalten, was ich mir damals aufgeschrieben habe, aber ich kann mich überall wieder schnell einarbeiten. Das Gefühl für Zusammenhänge ist geblieben. Die Details sind meistens gar nicht so wichtig. Ich weiß noch, wie ich damals ein wichtiges Enzym in der Atmungskette gelernt habe, die FoF1-ATPase. Ich kann mich daran erinnern, wie es „Klick“ gemacht hat, wie das Molekül wie eine kleine Turbine in der Mitochondrien-Membran das ATP produziert. Ich habe das in meinem inneren Auge gesehen, fand es fantastisch und habe es anschließend nie wieder vergessen. So ging es mir häufig bei konzeptionellen Zusammenhängen.

Zu verstehen, welcher Dynamik etwas gehorcht, ist am Ende viel wichtiger, als das Detail zu kennen. Natürlich könnte ich auch die Primärstruktur der FoF1-ATPase auswendig lernen. Doch das bedeutet eben nichts, wenn ich nicht verstanden habe, wie sie funktioniert. Die eigentliche Aufgabe eines Studiums liegt darin, die Dynamik von Zusammenhängen zu verstehen, und eben nicht, nur die Prüfungen zu bestehen.

UniDAZ: In Ihrem Buch schreiben Sie etwas sehr Motivierendes, nämlich dass Verunsicherung und Ungewissheit uns dazu antreiben, zu lernen und zu verstehen. Doch wie würden Sie mit Frustration umgehen?

Beck: Unklarheiten zu vermeiden ist der stärkste Antrieb, den wir besitzen. Wir hassen den Zustand, nicht zu wissen, was los ist. Es gibt verschiedene Techniken, mit Unklarheit umzugehen: Neugier, Ignoranz oder Verweigerung. Das Momentum, Unsicherheit proaktiv zu nutzen, setzt voraus, dass zur rechten Zeit ein Lösungs-Ausweg aufgezeigt wird. Genau in diesem Punkt beginnt Bildung.

Bildung ist der moderierte Übergang von Unklarheit zu Klarheit. Genau das ist die Aufgabe von Lehrern und Dozenten. Es geht darum, Unklarheit zu schaffen und gemeinsam den Ausweg aufzuzeigen. Wenn ich den Ausweg zu früh zeige, ist er nicht mehr reizvoll, man verliert das Interesse. Zeige ich ihn zu spät, werden die Studenten frustriert und demotiviert. Das Timing ist entscheidend. Wenn man Unklarheiten schafft, muss man bereit sein, in einem gewissen Zeitfenster die Lösung zu geben und damit die Erklärung zu liefern. Ein optimales Timing von Bestätigung und eigener Handlung, die wiederum zu Bestätigung führt, die uns zum weiteren Handeln motiviert, also eine Art „Feed Forward“, schafft dann etwas, was wir als „Flow“-Gefühl wahrnehmen.

„Unklarheiten zu vermeiden ist der stärkste Antrieb, den wir besitzen. Wir hassen den Zustand, nicht zu wissen, was los ist.“
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UniDAZ: Wie schafft man es, bei langweiligen „Hassfächern“ trotzdem dranzubleiben?

Beck: Die Langeweile resultiert bei den „Hassfächern“ häufig aus dem fehlenden Anwendungsbezug. Man fragt sich „Wofür mache ich das eigentlich? Nur weil ich muss?“ Man könnte bei den trockenen Fächern mit der „Warum?“-Frage beginnen. Man könnte ein Experiment zeigen und sich fragen: Warum ist das jetzt so passiert? Diese Interaktion zu nutzen ist ein wichtiges Momentum für die Bildung. Dieser Punkt wird an den heutigen Bildungsinstitutionen oft vernachlässigt.

Die Studenten und Schüler werden zu schnell passiviert, indem effizient und schnell die Antworten aufgezeigt werden, anstatt Fragen aufzuzeigen und das Interesse zu wecken. Wenn ich einen Studenten immer nur mit Antworten füttere, erhalte ich jemanden, der gut auf Multiple-Choice-Fragen antworten, aber niemanden, der konzeptionell denken kann.

Um Leute auszubilden, die auf Probleme reagieren können, die wir heute noch gar nicht kennen, muss man Leute in ihrem Denken aktivieren. Überall werden im Alltag Geheimnisse geschaffen, um etwas interessant zu machen: Zu Weihnachten verpackt man Geschenke, in der Liebe wird man verführt und Serien nutzen Cliffhanger, um Zuschauer zu binden. Es heißt ja auch „die drei Fragezeichen“ und nicht „die drei Kommas“. Nur in der Bildung macht man das nicht so. Hier muss es immer so effizient wie möglich sein, immer klar und eindeutig. Diese Idee ist hirnrissig. Man entmündigt die Leute in ihrem Denken. Warum selbst denken, wenn ohnehin alles klar ist?

UniDAZ: Sie sagen, wir werden dazu trainiert, gute Antworten zu geben, doch gute Fragen machen eben gute Wissenschaftler aus. Wie kann man Leute dazu ermutigen, gute Fragen zu stellen?

Beck: Eigentlich gibt es ja nichts Spannenderes als die Wissenschaft. Die Neugierde weckt man eben dadurch, indem man Geheimnisse anbietet. Die Wissenschaft ist voll von Geheimnissen, wir wissen mehr nicht, als dass wir etwas wissen. Warum zeigen wir diese Faszination nicht? Nicht ohne Grund hat der Begriff „verschult“ so ein schlechtes Image. Es geht nicht darum, Schüler auf gewisse Antworten hin zu trainieren, sondern sie dahin zu bewegen, aktiv und mündig zu denken. Das ist in unserer heutigen Zeit sehr wichtig.

UniDAZ: Wissen zu verpacken wie ein Weihnachtsgeschenk und dadurch Bildung geheimnisvoll zu gestalten ist zeitaufwendig. Wie würden Sie mit dem Problem der Zeit umgehen?

Beck: Das Wichtigste ist, dass die geschulten Menschen die Zusammenhänge nachvollziehen können, die der Wissenschaft zugrunde liegen. Das Ganze kann man dann mit Details aufhübschen und ergänzen. Es geht nicht darum, jemandem die Details einzutrichtern, damit er so den großen Zusammenhang sieht.

Wenn ich am Anfang nicht in der Lage bin, das große Ganze zu vermitteln, also den Kontext anzubieten, in dem die Details liegen, sehe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Orientiert man sich an den Kleinigkeiten, fällt es schwer, ein allumfassendes Schema aufzubauen. Natürlich muss man in manchen Fächern viel auswendig lernen. Aber dieses Auswendiglernen soll nur als Werkzeug dienen, um später damit ein großes Denkschema aufbauen zu können. In den meisten Studiengängen geht es darum, solch ein Konzept zu entwickeln. Mache ich das nicht, ist es noch viel zeitaufwendiger, sich alle Inhalte zusammenzubasteln.

So ineffizient es anmutet, mit einem großen Bild anzufangen, das Konzept zu erklären und erst dann in die Tiefe zu gehen ist letztendlich effektiver und zeitsparender.

UniDAZ: Glauben Sie, es würde Studenten helfen, sich mit studienfremden Themen zu beschäftigen, um besser zu verstehen?

Beck: Ja, unbedingt! Das kann ich jedem empfehlen. Selten im Leben wird man präzise in den Tätigkeitsfeldern arbeiten, die man studiert hat. Lebenswege und Berufsfelder ändern sich fortwährend. In den seltensten Fällen wird man Berufe ausüben, die 30 Jahre lang dieselben bleiben werden. Genau diese Veränderbarkeit zu leben, erfordert, dass ich über den Tellerrand hinausschauen und mich schnell in neue Themen einarbeiten kann. Ich kenne niemanden, der von studienfremden Themen wie Hobbys, Sport oder auch von anderen akademische Themen nicht profitieren würde.

UniDAZ: Für viele wissenschaftliche Mitarbeiter an den Universitäten ist der Bildungsauftrag mehr Last als Lust. Was müsste man konzeptionell ändern, um die Qualität der Lehre an den Unis zu verbessern?

Beck: Ich finde es wichtig, den Menschen, die in der Wissenschaft tätig sind, die Chance zu geben zu dozieren. Wir wissen, dass die zwei Seiten der Medaille zu einem umfangreicheren Verstehen führen. Wer Sachen erklären kann, versteht sie auch besser. Ich wäre trotzdem dafür, dass man an Unis Kurse oder Weiterbildungsmöglichkeiten, eine Art Trainingsprogramm für Dozierende anbietet. Gute Lehrer fallen nicht vom Himmel, man bildet sie anhand pädagogischer Konzepte aus.

UniDAZ: Lieber Herr Beck, ich bedanke mich für das erhellende Gespräch.

Marius Penzel, Berlin

Marius Penzel studierte Pharmazie in Leipzig. Nach dem Praktischen Jahr absolvierte er ein Volontariat bei der Deutschen Apotheker Zeitung. Heute arbeitet er als freier Wissenschaftsjournalist in Berlin.