Illustration: Wessinger und Peng

Press Pause

Pharmazie studieren in Corona-Zeiten

Der Einsatz von Halogenen erlaubt eine außergewöhnliche
Regioselektivität.


„Beim Einsatz von Methanolat hingegen erfolgt ein Angriff an
der Carbonylgruppe und spaltet das Lacton, wobei ein Alkoholat
freigesetzt wird, das unter Bildung eines Epoxids cyclisiert.

Diese beiden Sätze liest du unterschiedlich. Der eine huscht durch den Kopf – gelesen, verstanden, weiter geht’s. Der andere wird Wort für Wort auseinandergenommen, mehrmals gelesen, überdacht, vielleicht werden einige Strukturformeln aufgezeichnet. Ihn zu erfassen dauert länger. In einer Vorlesung fallen solche Sätze gerne einmal direkt hintereinander. Und ist der Faden erst einmal verloren, wird es schwierig, ihn wieder aufzunehmen. Das Sommersemester 2020 wird in die Geschichte eingehen. Das (erste) Corona-Semester bringt viele Ungewöhnlichkeiten mit sich: Das Format „Video“ beherrscht das Studium. Das Lernen wird dabei durch eine Sache geprägt: den Pause-Button.

Wer den oben geschriebenen Satz in der Vorlesung verpasst, ist abgehängt. Dem bleibt nur ein Sitzplatz in der Bib oder am Schreibtisch, passendes Lehrbuch rausgesucht, Register, Regioselektivität, aha – eine gute Viertelstunde später macht es „Klick“ und man kann die Vorlesung wieder aufarbeiten, den Rest verstehen. Minute um Minute vergangen, um wenige Sekunden aufzuholen. Hätte man sich das nicht ersparen können?

Online-Vorlesungen können äußerst effektiv sein. Man spart sich den Weg zur Uni und entgegen der gängigen Empfehlung bleibt für den Anfang auch gerne mal die Jogginghose an. Außerdem hat man die besondere Gelegenheit, Pause zu drücken. Jederzeit. Auf die Zeit vor Corona übertragen erscheint das irrsinnig: Im Hörsaal zu sitzen, eine Taste zu drücken, die Zeit bleibt stehen, die Professorin oder der Professor friert ein, man begutachtet den aus dem Beamer flimmernden Reaktionsmechanismus ganz genau, entdeckt und zeichnet schnell den einen Pfeil in die eigenen Notizen, den man vielleicht vergessen hat und der alles erst zusammenbringt. Alles klar, weiter geht’s. Zehn Sekunden zwischendrin statt Minuten oder Stunden hinterher.

Während mancher Lehrende grantelt, dass die gewohnt für den Beamer oder die Tafel aufbereiteten Inhalte nun neu aufgesetzt werden müssen, nehmen andere die Umstände als Chance wahr und arbeiten mit den Vorteilen, die diese Situation bietet. Ob diese genutzt werden, hängt aber vor allem von den Studierenden ab. Denn während der Feind der Aufmerksamkeit, in aller Regel in Form des Smartphones, im Hörsaal leicht in der Hand- oder Hosentasche schlummert, haben WhatsApp & Co. auf dem Laptop eine ganz andere Spielwiese. Ist der Bildschirm erst einmal vor Augen, fällt es nur allzu leicht, mal eben Nachrichten zu checken oder vom Chemie-Tutorial auf YouTube in eine ganz andere Ecke der Video-Plattform abzudriften. Und so sind am Ende eben trotz allem dieselben Tugenden wie zuvor gefragt: Aufmerksamkeit, Lernwille und Disziplin.

Das heißt nicht, dass sich gar nichts ändern soll, im Gegenteil: Seit vielen Jahren werden Änderungen an der Approbationsordnung gefordert, mittlerweile von vielen Beteiligten – und die Coronakrise erfordert weitere Anpassungen, wozu es auch genügend Vorschläge gibt. Das Studium nur am Laptop zu absolvieren ist unmöglich, die Laborarbeit ein wesentlicher Teil der Ausbildung und auch die soziale Komponente sehr wichtig: Ein so anspruchsvolles Studium ist als Einzelkämpfer kaum zu bewältigen. Vor allem den neuen Erstsemestern fehlt das soziale Netz, das einen durch so manche Wiederholungsklausur hievt. Trotzdem: So oder so wird das Lernen digitaler. Genauso wie der Apothekerberuf oder die Wissenschaft. Die Frage ist nur, wie so oft: Wer geht voran, wer geht mit? Und wer versucht verzweifelt, „Pause“ zu drücken?

Stefan Rack

Stefan Rack ist Apotheker und Projektleiter von PharmaNavi, der App für Pharmaziestudierende des Deutschen Apotheker Verlags.