Foto: Nirén Mahajan

„Wir wetten ständig auf die Zukunft“

Wolfgang M. Schmitt über die Zeit, TENET und das Kino

Wolfgang M. Schmitt jun. ist Kulturkritiker und Deutschlands sympathischster Intellektueller im Internet. Seit 2011 regt er auf seinem Kanal „Filmanalyse“ mit rund 60.000 Abonnenten dazu an, über den Tellerrand aktueller Hollywood-Erzeugnisse hinauszublicken. Zusammen mit Tilo Jung interviewt er berühmte Persönlichkeiten und hinterfragt in seinen Politikanalysen das hiesige Machtgeschehen. Außerdem veröffentlicht er regelmäßig die Podcasts „Wohlstand für alle“ und „Die neuen Zwanziger“.

Im Hollywood-Film TENET, der seit Herbst 2020 in den Kinos lief, spielt die Zeit verrückt: Dinge und sogar Menschen können „invertiert“ werden und damit in der Zeit rückwärts laufen. Menschen aus der Zukunft wollen sich an der Gegenwart rächen und diese auslöschen. Ebendies muss der namenlose Held in der Vergangenheit verhindern. Weil wir den Film TENET und die Frage nach der Zeit verstehen wollten, hat die UniDAZ Wolfgang M. Schmitt jun. gefragt. Im Interview spricht er über die aktuelle Lage, den Markt und die Rolle des Apothekers in Hollywood.

UniDAZ: Haben Sie kurz Zeit?

Schmitt: Zu jedem Moment, den man mit jemand anderem verbringt, sollte man sich bewusst entscheiden. Deswegen: Ja, ich habe Zeit – weil ich mich dazu entschieden habe, Zeit zu haben.

UniDAZ: Aber ist Zeit nicht auch Geld?

Schmitt: Den Satz „Zeit ist Geld“ müssen wir auf verschiedenen Ebenen lesen. Einmal geht es um Effizienz: In der Apotheke sollen die Kunden nicht lange warten. Deswegen automatisieren heute viele das Warenlager, sodass die Medikamente schneller in der Offizin ankommen. Gleichzeitig geht es um die Länge der Arbeitszeit. Angestellte wollen möglichst wenig arbeiten, Arbeitgeber wollen, dass Angestellte möglichst lange arbeiten. Noch dazu schließen wir im Kapitalismus ständig Wetten auf die Zukunft ab. Wenn sich ein Apotheker dazu entscheidet, eine weitere Filiale zu eröffnen, investiert er Geld und wettet darauf, dass er durch dieses Investment in Zukunft mehr Gewinne erzielt. Auch hier ist Zeit Geld.

UniDAZ: Ironischerweise schlagen trotzdem viele von uns ihre Zeit mit Serien tot. Warum tun wir das?

Schmitt: Ich glaube, viele Menschen fürchten sich vor einem intensiven Leben. Wer sich mit guten Filmen auseinandersetzt, ist viel mehr angestrengt, weil er sich mit sich selbst und dem, was er sieht, auseinandersetzen muss. Filme und Serien, die dazu einladen, Zeit totzuschlagen, bringen dich ohne jegliche Intensität über den Tag. Auf diese Weise schlägt man nicht nur Zeit tot, sondern tötet sich selbst ab. Das ist eine heikle Entwicklung, weil sie eine kollektive Lethargie produziert. Das erinnert mich an Leute, die eine Erkältung bekommen und, anstatt sich auszuruhen, daraus ein Dauerprojekt machen. Sie nehmen das ganze Jahr über Meditonsin und Nasenspray ein, und werden nach Letzterem abhängig. Sie versuchen, ihren Körper immer ein bisschen zu pflegen. Doch anstatt sich einmal richtig auszukurieren, sind sie einfach andauernd krank.

UniDAZ: Unsere Generation scheint kein rosiges Bild von der Zukunft zu haben, wir rechnen mit der Klimakatastrophe, Strömen von Asylsuchenden und Pandemien durch Antibiotikaresistenzen. Was macht das mit uns?

Schmitt: Das verändert unsere Gegenwart, da wir gedanklich immer antizipieren, was auf uns zurollt. Allein die Tatsache, eine Aussicht auf etwas zu haben, führt nicht dazu, dass wir ein Problem dann angehen, wenn es schon da ist – es formt unsere Gegenwart. Das ist wie an der Börse: Die Aussicht darauf, dass ein Unternehmen im nächsten Jahr Umsatzeinbußen haben könnte, macht in der Gegenwart Menschen nervös, sodass sie ihre Aktien abstoßen und der Kurs sinkt. Auch in unserem eigenen Gefühlshaushalt sind wir mit turbulenten Kursen konfrontiert, obwohl noch nichts eingetreten ist.

„Intensiv leben kann nur, wer ein gewisses Maß an Risiko eingeht. Davon handeln alle Filme, die wir mögen.“
Foto: Nirén Mahajan

UniDAZ: In Ihrer Filmanalyse zu TENET sagen Sie, dass der Film dazu motiviert, die Welt positiv zu verändern. Warum?

Schmitt: Bei TENET kehrt die Zukunft zurück und rächt sich an der Gegenwart. Wir müssen nicht mehr warten, bis die Zukunft Gegenwart wird, sondern können im Kino die Gleichzeitigkeit von beidem erfahren. Stellen Sie sich vor, ein Arzt sagt zu einem Patienten: „Wenn Sie weiterrauchen, werden Sie in 20 Jahren schwere gesundheitliche Probleme haben.“ Aber nun rächt sich der lungenkranke Patient beim Raucher, der er einst war. Das ist sehr verstörend. Wir können in der Realität immer nur Berechnungen und Voraussagen anstellen. Wir können eine Wahrscheinlichkeit ausrechnen und damit die Gegenwart ausrichten. Ob was wirklich eintritt, wissen wir nicht.

UniDAZ: Ist die Drohung „Wehe dir in der Zukunft, wenn du dich jetzt nicht änderst“ überhaupt wirksam?

Schmitt: Wer wie ein Kind angesprochen wird, hat nur eine einzige Möglichkeit, darauf adäquat zu reagieren, und zwar mit kindlichem Trotz. Das sehen wir gerade sehr deutlich, wenn die Bundesregierung oder Wissenschaftsjournalisten bei den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie mit der Bevölkerung wie mit Kindern sprechen. Auf einer menschlichen Ebene kann ich sehr gut verstehen, wenn sich manche deswegen wehren. Ich glaube aber auch, dass am Ende ein sachliches Argument entscheidet. Gute Apotheker oder Ärzte zeichnet aus, dass sie mit solchen Argumenten Menschen zu etwas bewegen können.

„Es ist schon seltsam, dass wir uns bei den herkömmlichen drei Raumdimensionen in jede beliebige Richtung bewegen können. In der Zeitdimension jedoch lediglich in einer.“

Albert Einstein über den Blockbuster „TENET“

UniDAZ: Heute ist Zeit zu einem Wert geworden, den es zu optimieren gilt. Können wir unter diesem Appell positive Zukunftsvisionen entwickeln und die Welt verändern?

Schmitt: Der Neoliberalismus ist auf kurzfristige Gewinne ausgelegt, die an der Börse dargestellt werden. Die Börse wettet auf die Zukunft, muss sich aber danach ausrichten, was morgen oder übermorgen die Aktionäre glücklich macht. Daher sind Veränderungen schwer vorzunehmen. Bei Zukunftsvisionen geht es immer um diesen Kampf zwischen unternehmerischen und gesellschaftlichen Interessen. Das müssen wir als einen Kampf begreifen. Filme zeigen uns immer Kämpfe und sind deswegen eine gute Möglichkeit, dieses Denken zu erlernen. Bei TENET oder James Bond wird nicht an einem runden Tisch gesessen und diskutiert. Politische Handlungen werden nur dadurch eingeleitet, dass es vorher zu Kämpfen kommt. Das müssen wir zum Teil wörtlich begreifen.

UniDAZ: Macht der Wille, Kämpfe auszutragen, um die Zukunft positiv zu gestalten, glücklich?

Schmitt: Sich langfristig auf ein Projekt zu konzentrieren, das dafür sorgt, dass etwas besser wird, erfüllt uns mit Glück. Wenn ich sage, ich habe eine Mission, stifte ich Sinn in meinem Leben. Aber die Frage nach dem Glück und der Zeit ist schwierig zu beantworten, Hildegard Knef sang nicht umsonst „Das Glück kennt nur Minuten“.

UniDAZ: Auf YouTube, Facebook und Amazon sind wir von Algorithmen umgeben, die unsere zukünftigen Wünsche berechnen. Stößt nicht schon heute die Zukunft mit der Gegenwart zusammen?

Foto: Nirén Mahajan

Schmitt: Der Versuch der Tech-Unternehmen oder der Versicherungen, die Zukunft vorauszusagen und danach die Gegenwart auszurichten, ist momentan ein lukratives Geschäft, aber eigentlich zum Scheitern verurteilt. Es können sich Dinge ergeben, an die niemand gedacht hat. Big Data schafft die Illusion von Voraussagen – wie früher die Wahrsagerinnen auf dem Jahrmarkt. Und selbst wenn Algorithmen mit vielen Daten gute Voraussagen treffen könnten: Inwieweit wäre dann noch ein intensives Leben möglich? Intensiv leben kann nur, wer ein gewisses Maß an Risiko eingeht. Davon handeln alle Filme, die wir mögen. Niemand will einer Filmfigur dabei zusehen, wie sie ihr Leben mit einem Fitnessarmband und Ernährungsplan ausrichtet. Das ist nicht Hollywood-tauglich.

UniDAZ: Sind Apotheker Hollywood-tauglich?

Schmitt: Der Apotheker spielt im populären Film eine Nebenrolle, aber die ist nicht ganz unbedeutend. Vor allem im Actionfilm muss der Held auf seiner Flucht oftmals einen Zwischenstopp in der Apotheke einlegen. Dann nimmt er sich – oder kauft im besten Falle – dass, was er braucht, und verarztet sich rasch selbst. Helden hören nicht auf ihren Arzt und fliehen ständig aus Krankenhäusern, vorbei an kreuzworträtsellösenden Pflegern. Aber die Apotheke ist im Actionfilm für den Helden das, was für das Auto die Tankstelle ist. Man pumpt sich kurz mit Schmerzmitteln voll – und weiter geht’s. Auch wenn er den Empfehlungen des Pharmazeuten nicht immer so ganz orthodox folgt: In der Dramaturgie hat die Apotheke eine ganz entscheidende Funktion: Wäre keine Apotheke zu finden, würde die Reise des Helden jäh enden.

UniDAZ: Lieber Herr Schmitt, vielen Dank für das schöne Gespräch.

Marius Penzel

Marius Penzel studierte Pharmazie in Leipzig. Nachdem er praktische Erfahrungen in einer öffentlichen Apotheke und in einer Krankenhausapotheke sammelte, begann er ein Volontariat bei der Deutschen Apotheker Zeitung.